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"Hansa" (1879/83) e.V.

"Jonny Risse" geht nach München

Einige Mitglieder verbinden mit dem alten Rennachter sicher noch Erinnerungen an ihre Trainingszeit, an manche Regattateilnahme, an den einen oder anderen Sieg oder auch an knappe oder deutliche Niederlagen.

Das war so in den Jahren nach 1983. Der Club steckte mitten in der Umbauphase, die rund 3½ Jahre dauerte und erst 1984 mit der Einweihung des neuen Clubhauses endete. Keine ganz einfache Zeit, weil sich HANSA damals zwar über einen gelungenen Ausbau und Umbau freuen konnte, aber auch in einer recht angespannten finanziellen Lage befand. Also eigentlich konnten wir uns in dieser Situation den Kauf eines Rennachters vermutlich gar nicht leisten. Andererseits war die Anschaffung aber wohl nötig, weil der Club über eine komplette vereinseigene Achtermannschaft verfügte.

Zufällig wollte sich damals der Hamburger Ruderverein Favorite Hamonia gerade von einem wenige Jahre alten Holz-Rennachter trennen, Marke STÄMPFLI, Baujahr Ende der 70-er Jahre, sicher ein sehr gutes und schönes Boot. Von irgendwo kamen dann auch wohl die notwendigen Mittel. Das Boot wurde erworben und auf den Namen des etwa ein Jahr zuvor verstorbenen langjährigen Vorsitzenden der HANSA "Jonny Risse" getauft. Er war ein leidenschaftlicher Ruderer und Verfechter des olympischen Gedankens. Sein Ansporn für die jungen Leistungsruderer lautete: In jeder Trainingsfrau und in jedem Trainingsmann steckt ein potentieller Olympiateilnehmer.

Der Mannschaft gelang zwar keine Olympiateilnahme, aber in den folgenden Jahren errang sie mit dem Rennachter "Jonny Risse" immerhin sechs oder sieben Siege für die "HANSA", den letzten 1986 auf einer Regatta in Hoya. Danach wurde er auch noch von anderen Mannschaften bis etwa 1990 gefahren, allerdings wohl nicht mehr so erfolgreich wie in den Jahren zuvor. Die Zeit der Holz-Rennboote war vorbei. Sie waren längst durch die "gelben Boote" abgelöst worden.

Seitdem wurde das Boot kaum noch benutzt und lag seit Jahren im "Hochlager" in der Bootshalle. Obwohl er noch in gutem Zustand war, regattatauglich war der "Jonny Risse" nicht mehr und im allgemeinen Ruderbetrieb fand sich keine Mannschaft für das Boot.

Trotzdem hat es lange gedauert, bis der Vorstand sich - nicht zuletzt aus Platzgründen - für den Verkauf des betagten Achters entschieden hat.

Aber auch andere Rudervereine haben offenbar für einen über 20 Jahre alten Rennachter keine rechte Verwendung. Jedenfalls gab es in der Bootsbörse keine Interessenten und auch eine kleinere und schließlich eine größere Verkaufsanzeige im ruder-Sport blieben lange Zeit ohne Resonanz. Vorsichtig wurde bereits der Bau von zwei weiteren "Sparbüchsen" aus Bug und Heck erwogen, bis sich Anfang Oktober 2001 überraschend doch noch eine Interessentin aus München meldete. Sie hatte unsere Anzeige im ruder-Sport gelesen und wollte unseren Holz-Rennachter unbesehen und ohne Wenn und Aber zum geforderten Preis sofort erwerben, und zwar mit "Paddeln", bitte. Mit was, bitte? Nein, sie sei keine Ruderin, sie sei auch nicht Mitglied eines Ruderclubs und das Boot wolle sie auch keinem solchen Club vermachen. Für sich selbst möchte sie das Boot haben, um damit Sportler und andere Gäste zu erfreuen. Sie betreibe nämlich das Schwimmbadrestaurant im "Dante-Bad" am Olympiazentrum München. Dort solle das Boot als Dekoration Verwendung finden.

Also machten sich Jürgen Keunecke und John Thoms am 30. Oktober mit "Jonny Risse" auf nach München. Unterwegs erntete das Gespann manch interessierten Blick - auch von Polizeibeamten -. Etwas enttäuschend war allerdings, dass kein Beamter zwischen Bremen und München die mehrseitige 75,00 DM teure Sondergenehmigung der Straßenverkehrsbehörde (wegen der Überlänge) sehen wollte.

Am Zielort wurden wir freudig in Empfang genommen von einigen jungen Männern, die beim Abladen behilflich waren und von einem jungen Architekten, der mit der Ausgestaltung des künftigen Spezialitäten-Restaurants beauftragt worden war. Das Schwimmbad selbst soll 1972 nicht nur Trainingsbad, sondern auch Austragungsort olympischer Wettkämpfe gewesen sein. Es verfügt über eine große Schwimmhalle und ein ganzjährig beheiztes und von der Halle aus zu erreichendes Außenbecken.

Mit dem Zustand des erworbenen Bootes war der Architekt sehr zufrieden. Die künftigen Betreiber des Restaurants waren gerade auf Urlaub. Auf unseren Rat wollte er sich bei der Anbringung der Ausleger Unterstützung von einem Münchener Ruderverein holen. Noch nicht abschließend gelöst hatte er allerdings das Problem, wie er den 17 m langen Rennachter in das im 1. Stock gelegene Restaurant bekommt. Und warum wollen die Pächter überhaupt ein Ruderboot ins Restaurant bringen? Weil zumindest er leidenschaftlicher Segler ist und für schöne Boote schwärmt. Da aber ein Segelboot als Dekoration ausschied, sollte es zumindest ein Ruderboot sein und zwar nur ein Achter!

Das bedeutet für unseren "Jonny Risse" zwar keine verspätete Olympiateilnahme, aber zumindest ein Hauch Olympia wird unseren alten Rennachter in Zukunft umwehen. Statt Sparbüchse oder Osterfeuer ein Ehrenplatz.

Jürgen Keunecke

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