|
|
Bremer Ruder-Club "Hansa" (1879/83) e.V. |
England oder nicht England? Das war die Frage, als wir uns im Winter 2000 zusammensetzten, um das Fahrtenziel für 2001 festzulegen. Wir hätten dort die Barke von den "Jungen Barkenbrüdern" übernehmen können.
Wir entschieden uns aber für "nicht England" und wählten stattdessen den Main. Und das aus gutem Grund. Hatte doch anno 1961 die 1. Bremer Barkenbruderschaft ihre erste Fahrt auf dem Main absolviert. Dieser Fahrt sollte gedacht werden. Damals waren u.a. auch die Barkenbrüder Gustav Johannsen und Richard Wagner dabei, und das beeinflusst natürlich auch die Auswahl der Boote.
Die Barke "Gustav" kommt ja sowieso immer mit. Da wir aber gerade so beim Gedenken waren, kam als zweites Boot natürlich nur die als Zweier mit Steuermann umgerüstete "Richard Wagner" in Frage. Auf diese Weise sollten die beiden Barkenbrüder auch auf dieser Fahrt dabei sein.
Wir wollten von Bischberg, das in der Nähe von Bamberg liegt, nach Marktheidenfeld rudern, insgesamt 203 km.
Am 8.6.01 sollte es um 8.00 Uhr losgehen. Ging es aber nicht! Ein Barkenbruder fehlte!
Eine halbe Stunde später kam er aber an. Was war passiert? In dem Bewusstsein, acht Tage lang diszipliniert den ganzen Tag lang rudern zu müssen, hatte er noch einmal auf die Pauke gehauen und mit seiner Familie eine wilde Party geschmissen.
Aus Dankbarkeit hatten sie ihn dann nicht geweckt und so war es zu der Verspätung gekommen. .Er gestand alles seinen Barkenbrüdern und versprach sofort, dieses Versäumnis mit einer Runde Frankenwein aus der Welt zu schaffen. Ob dieser Rede hellten sich die düsteren Mienen der Barkenbrüder sofort auf und ihm wurde auf der Stelle verziehen.
Vier Barkenbrüder müssen sich wohl den Unmut der Fahrtenleitung zugezogen haben, denn diese vier wurden dazu verdonnert, den Bus zu fahren und den Trailer zu ziehen.
Die anderen durften mit dem Zug fahren, Bier trinken, Zigarren rauchen und sich im Zug herumlümmeln.
Später stellte sich dann aber zur Erleichterung der vier heraus, dass man sechs Personen brauchte, um das verbilligte Gruppenticket bei der Bahn zu bekommen. Da waren die vier aber froh! Wie sich das heute so gehört, kamen die vier auf ihrer Fahrt auch in einen Stau. Zweimal sogar. Das passierte aber seltsamerweise immer nur, wenn ein bestimmter Barkenbruder fuhr, nämlich der Schreiber dieser Zeilen. Die anderen sahen mich schon ganz argwöhnisch an und wollten mich bald nicht mehr fahren lassen. Ich versichere aber, dass ich die Staustellen nicht bewusst angefahren habe.
Endlich erreichten wir aber doch unser erstes Quartier, das "Hotel?Weingut Goger" in Hassfurt?Augsfeld. Die Zugreisenden waren natürlich schon da und freuten sich, dass sie nun endlich ihre Koffer bekamen. Tilo verkündete, dass der erste gemeinsame Abend "offiziell", d.h. im Clubanzug und strammer Haltung stattfinden sollte.
Und daran hielten wir uns auch. Als wir alle in einem Nebenraum versammelt waren, hielt Tilo eine Begrüßungsrede und er hatte uns auch etwas mitgebracht. Zum Beispiel einen großen gläsernen Pokal mit einer Inschrift, die auf die 40. Fahrt der 1. Bremer Barkenbruderschaft hinwies.
Das Ding sah aus wie eine große, weit ausladende Bonbonschale, wurde aber mit zwei Litern Wein aufgefüllt. Daraus wurde nun reihum getrunken und das verhalf uns ohne weitere Schwierigkeiten zu der geforderten "strammen" Haltung. Wir bekamen aber auch noch ein T-Shirt mit der Aufschrift
1961 - 2001
1. Bremer Barkenbruderschaft
BRC "HANSA".
Und außerdem gab es noch eine rot-weiß gestreifte Zipfelmütze. Da wir auf Grund der kreisenden Weinschale schon etwas "unkritisch" geworden waren, setzten alle die Zipfelmütze auf und nahmen frohgemut an der in der nebenliegenden Halle stattfindenden Tanzveranstaltung teil.
Unser Erscheinen löste Frohsinn und Heiterkeit aus und ich glaube, dass wir die Tanzveranstaltung durch unsere Teilnahme wirklich bereichert haben.
Am Sonnabend, den 9.6.01 begann der erste Rudertag und ich möchte bei dieser Gelegenheit, mit Erlaubnis der Barkenbrüder, einmal ein kleines Geheimnis lüften, das wir bisher gut gehütet haben. Jeden Morgen, wenn wir in der Barke Platz genommen haben, kommen ein bis zwei freundliche und charmante junge Damen, betreten den "Laufsteg" der Barke und überreichen jedem von uns mit freundlichem Lächeln ein Glas Sekt. Sie sagen "Prosit", gehen den Laufsteg zum Heck der Barke zurück und verlassen uns dann freundlich lächelnd und winkend. Die Mannschaft sieht ihnen dann immer ganz verträumt nach. Aber nicht lange. Die barschen Kommandos des Steuermanns lenken unsere Aufmerksamkeit schnell wieder auf den eigentlichen Zweck unserer Unternehmung. Und das ist natürlich das Rudern. Woher die Damen immer kommen? Ich weiß es nicht. Sie sind einfach da. Über das woher und wohin denke ich nicht mehr nach.
Um aber meine Glaubwürdigkeit zu beweisen, füge ich diesem Artikel ein Foto bei, das diese freundliche Zeremonie beweist.
Nachdem wir den Sekt ausgetrunken hatten, ruderten wir ohne besondere Vorkommnisse 29 km von Fischberg nach Hassfurt.
Wir hatten ruhiges, bedecktes und trockenes Wetter, aber leider kaum Strömung. Wir mussten uns also anstrengen und waren nach dieser Etappe doch etwas ermüdet. An diesem wie auch an den anderen Tagen stellten wir fest, dass wir ohne die Hilfe der Strömung doch relativ viel Zeit brauchten, um die Strecken zu schaffen. Unsere Pausen fielen recht knapp aus und auch abends hatten wir dadurch nicht viel Zeit für Besichtigungen.
Am Sonntag, den 10.6.01 ruderten wir 22 km ohne besondere Vorkommnisse von Hassfurt nach Schweinfurt. Montag, den 11.6.01 ging es von Schweinfurt nach Volkach; eine Strecke von 27 km. Der Himmel war bedeckt, dann schickte Petrus uns ein Gewitter und Regen, aber dagegen hatten wir ja unser Dach. Als er merkte, dass uns das nichts ausmachte, ließ er die Sonne scheinen.
Wir hatten das Quartier gewechselt und fanden uns am Nachmittag im Weingasthof "Rose" in Volkach ein.
Dort gesellten sich Helmut Meyer und Frau Elfriede zu uns. Elfriede hatte just an diesem Tag Geburtstag und spendierte uns selbst gebackenen Kuchen und natürlich auch Kaffee dazu. Den Kuchen bestellen wir jedes Jahr bei Elfriede. Wenn es nicht anders geht, muss Helmut den Kuchen mit an Bord bringen.
Den Abend verbrachten wir dann in trauter Runde im Restaurant des Hotels, bei kreisender Weinschüssel. Zapfenstreich war gegen 23 Uhr.
Das Wetter am Dienstagmorgen war einfach herrlich. Wir konnten alle zusammen auf der Terrasse des Hotels frühstücken und diskutierten dabei, ob wir nicht doch einen zweiten Wagen mieten sollten. Die Mehrheit war dafür. Leider stellte sich heraus, dass im weiten Umkreis kein passender Wagen zu bekommen war. Der Service konnte die Mannschaften daher nur in Teillieferungen bei den Booten anliefern.
Während der erste Teil der Mannschaften die Boote klar machte, konnte der zweite, privilegierte Teil, unter tiefen Bücklingen des ersten Teils, sofort auf den Rollsitzen Platz nehmen. Aus Spaß moserte man dann noch herum, dass dieses oder jenes doch nicht so recht zur Zufriedenheit des zweiten Teils der Mannschaft erledigt wurde, aber dann legten wir gut gelaunt ab zur 29 km langen Fahrt von Volkach nach Marktbreit.
Die Mittagspause verbrachten wir auf dem Gelände des Kitzinger Ruder-Clubs. Die Sonne meinte es so gut mit uns, dass sich bei einigen Kameraden schon Hautrötungen zeigten.
Als Trost gab es in Marktbreit endlich Erdbeerkuchen, nach dem es die hart rudernden Mannschaften schon lange gelüstet hatte.
Mittwoch, den 13.6.01
Quartierwechsel nach Randersacker zum Hotel-Gasthof "Löwen"
Strecke: Marktbreit - Würzburger Ruderclub ca. 24 km.
Der Tag ist warm und sonnig. Nicht so in Bremen. Dort misst man plus 3,0 Grad C.
Vor einer Schleuse versucht Herr Günter B. aus B. per Handy mit dem Schleusenmeister zu telefonieren. Es kommt auch eine Verbindung zustande und der Schleusenmeister versteht Herrn B. auch recht gut. Herr B. aber versteht den Schleusenmeister nicht und brüllt so lange und so laut in das Handy hinein, bis der Schleusenmeister schließlich ein Fenster aufmacht und herunterruft, dass Herr B. das Handy weglegen sollte, er hätte längst alles durch die geschlossene Scheibe auch ohne Handy verstanden. Die Mannschaft wand sich vor Lachen und Herr B. nahm sich vor, ein hartes Training mit dem Handy zu absolvieren.
Für den Abend hatten bereits große Ereignisse ihre Schatten voraus geworfen. Der Barkenkapitän, Gerhard Johannsen, hatte seinen Besuch angesagt. Begleitet wurde er von Dr. Christoph Düring, Hubert Holzmann, Herbert Köppe, "Hugo" Heinz Meyer und Frau Meyer. Als wir im Hotel ankamen, waren alle schon da und wir wurden herzlich begrüßt. Der Abend sollte offiziell gestaltet werden, d.h. Clubanzug und gemeinsames Abendessen.
In einem kleinen Restaurant führte man uns in einen separaten Raum und nun konnte der Abend beginnen.
Zuerst einmal machte der gläserne Pokal, auch Weinschüssel oder Kump genannt, seine Runde. Tilo begrüßte die Neuankömmlinge in einer launigen Rede; der Barkenkapitän und Herbert Köppe bedankten sich im Namen der Besucher und führten dabei noch aus, was die Barkenbruderschaft für sie im Leben bedeutete und noch bedeutet.
Die Besucher hatten aber auch Geschenke mitgebracht. Gerhard Johannsen überreichte uns ein Fensterbild, das unser Maskottchen, einen bunten Regenschirm, darstellt.
Herbert Köppe überbrachte eine Einladung der "Zocker", die die Kosten für das gesamte Abendessen übernahmen. Wir ließen es uns denn auch ordentlich schmecken und danken den Zockern noch einmal für die freundliche Einladung.
Es war aber noch eine Aufgabe an diesem Abend zu erledigen und das war die Prüfung der Novizen zur Aufnahme in die Barkenbruderschaft. Hierzu muss ich etwas vorausschicken.
Als der Zeremonienmeister sich die Prüfungsaufgaben überlegte, fiel ihm folgende antike Begebenheit ein:
Odysseus war an der Insel der Zauberin Circe gestrandet, erwachte aus seiner Ohnmacht, sah umher und fragte die Zauberin, wo seine Gefährten seien.
Circe antwortete, dass sie die Gefährten in Schweine verwandelt habe und fügte hinzu, dass das bei Männern nicht sonderlich schwer wäre.
Ganz klar ein männerverachtender Ausspruch! Hätte Circe so etwas über Frauen gesagt, sie würde heute noch von Alice Schwarzer mit Prozessen überzogen werden. Odysseus aber nahm es gelassen hin, eine Eigenschaft, die Männer ja ganz allgemein auszeichnet.
Der Zeremonienmeister wusste zwar, dass es über seine Kraft geht, gestandene Männer in Schweine zu verwandeln, aber in kleine Ferkel? Das wäre doch einen Versuch wert.
Und so setzte er als Prüfungsaufgabe fest, dass jeder Novize ein bis zwei Gedichte über "Bonifatius Kiesewetter" mit schöner Betonung vorzulesen hätte.
Als Ersten traf es Dr. Christoph Düring. Den zu verwandeln war gar nicht so einfach. Er hatte sein Gedicht vorher durchgelesen und sagte verlegen, dass er seine Brille vergessen hätte und er das Gedicht leider nicht vortragen könnte. Schweinisch grinsend reichten ihm mehrere Barkenbrüder ihre Brillen und forderten ihn auf zu probieren, ob er das Gedicht mit Hilfe einer dieser Brillen nicht doch lesen könnte. Natürlich konnte er nicht. Dann fragte ihn der Zeremonienmeister, welche Plus- oder Minus-Dioptrien er hätte. Das wollte er nicht sagen. Aber er merkte, dass wir ihm auf der Spur waren, gab seufzend nach und las mit lang ausgestrecktem Arm und ohne Brille dieses furchtbare Gedicht vor. Bei Stellen, die er als "starken Tobak" empfand, sagte er entschuldigend: " Das steht hier wirklich so." Er hatte sich also überwunden und den Spaß mitgemacht und die Barkenbrüder hatten auch ihren Spaß gehabt.
Die beiden anderen Novizen waren Heinz Kleemann und Helmut Meyer, beide erfahrene Wanderfahrer. Und man weiß ja, wie Wanderfahrer sind. Denen macht das gar nichts aus, mal ein Gedicht über Bonifatius Kiesewetter vorzutragen. Heinz Kleemann trug das Gedicht frisch und mit Freude vor und auch Helmut Meyer waren keine Hemmungen anzumerken. Alle drei hatten ihre "Prüfung" bestanden. War damit der Versuch des Zeremonienmeisters erfolgreich verlaufen? Ich meine, ja. Und natürlich wurde die Aufnahme der drei in die Barkenbruderschaft noch etwas gefeiert.
Am Donnerstag, den 14.6.01 brachten die Besucher einen Teil der Mannschaft zum Würzburger Ruderclub, den Rest schaffte der Bus heran. Wir legten ab, Richtung Karlstadt, und freuten uns über das sonnige und warme Wetter. Mittags ließen wir uns sachte ins Schilf treiben und nahmen unser Mittagsmahl auf der Barke ein.
Ein Gewitter drohte, machte sich dann aber wieder davon. Abends holten wir mit einigen Leuten Manfred Cordes in Würzburg vom Bahnhof ab ? er musste zwischendurch mal in Bad Bramstedt einen Vortrag halten ? besichtigten die Feste Würzburg und kehrten dann in Würzburg in das Weinrestaurant "Stachel" ein. Wir saßen draußen in einer gemütlichen Ecke. Die Luft war warm und milde und unsere Stimmung war ausgezeichnet, genauso wie der Wein, dem wir auch rege zusprachen. Die Stimmung wurde immer übermütiger und nun verrate ich noch einmal ein kleines Geheimnis! Die Idee, uns von einer netten jungen Frau in der Barke Sekt servieren zu lassen, wurde beim Wein im "Stachel" erdacht. Das war fast so, wie bei der berühmten Feuerzangenbowle. Der Unterschied ist aber der, dass wir unsere übermütige ldee wahr gemacht haben.
Am nächsten Tag, als wir von Karlstadt nach Loht rudern wollten, haben zwei junge Ruderinnen den Spaß mitgemacht und uns auf dem Boot Sekt serviert. Es war eine fröhliche Stimmung und die beiden bekamen von uns eine Flasche Wein geschenkt.
Der allmorgendliche Sekt im Boot war also nur eine einmalige Angelegenheit, aber schön. Die jungen Frauen gehörten zu einem Vierer, der auch eine Wanderfahrt auf dem Main machte und wir haben sie unterwegs noch zweimal auf dem Wasser getroffen und etwas mit der Besatzung geplauscht.
Die letzte Strecke am Sonnabend, den 16.6.01 von Lohr nach Marktheidenfeld war kurz, 18 km. Wir konnten uns Zeit lassen, trieben gemütlich dahin und dann kam auch noch Rückenwind auf. Das Dach wurde bis auf den Sitz der Steuermannsbank heruntergelassen und bildete so ein kleines Segel, das uns gut voranbrachte. Peter Colby saß wie ein Gekreuzigter auf der Bank und hielt unser Segel unbeirrt fest. So erreichten wir den Endpunkt. Die Barke und der Zweier wurden herausgenommen und gesäubert und am Sonntag fuhren wir dann zurück nach Bremen.
Die Organisation der Fahrt hatte ? wie immer ? in den bewährten Händen unseres Barkenkapitäns Gerhard Johannsen gelegen, der dabei unterstützt wurde von unserem Barkenbruder "Hugo" Meyer. Ein anderer Meyer, nämlich der Helmut aus Viernheim, hatte die Strecke abgefahren und die Hotels ausgesucht. Im Namen der Mannschaft danke ich den genannten Barkenbrüdern für die geleistete gute Arbeit. Dank gebührt aber auch unserem Fahrtenleiter Dr. Tilo Kolb, der, wie stets, die Organisation vor Ort auf sich genommen hatte.
Günter Bussenius