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Bremer Ruder-Club "Hansa" (1879/83) e.V. |
Im Juli flogen Rosemarie Baune und ich nach Bukarest, um an der DRV-Fahrt ins Donaudelta im Rahmen der TID (Tour International Danubien) teilzunehmen. Von den knapp 2900 km der Donau interessierten uns die letzten 370 km vor dem Schwarzen Meer. Sie ist ab hier beidseitig rumänisch. Als eine der meistbefahrenen Wasserstraßen Europas taucht die Donau schon vor Jahrtausenden in ägyptischen Legenden, bei den Argonauten, Phöniziern, Thrakern ("Danare"), Skythen ("Danubius") und Römern ("Danavius") auf. "Rio Divino" wurde sie bei Karl V. genannt. Außer neuerdings auch deutschen Ruderbooten hat sie phönizische Schiffe, griechische Trieren, römische Galeeren, byzantinische Segelschiffe, genuesische Karavellen, venezianische Galeonen, türkische Segelbarken und Kosakentscheiken sowie neuzeitliche Schlepper und Hochseeschiffe erlebt.
Eine Abenteuerfahrt also? Ja und nein! Ja, weil Übernachtungen nicht immer planbar waren und nein, weil wir uns in einem europäischen Land mit gemeinsamer Kultur bewegten. In Calarasi (nahe der bulgarischen Grenze) trafen Sonntagabend/-nacht wir FliegerInnen aus Bremen und Hamburg, ein Zugfahrer aus Belgrad und die beiden Kleinbusse mit den übrigen Donaufans aus Deutschland und Österreich ein. Zwei von uns 23 waren Kanuten mit eigenen Booten. Die 6 Wiener RuderkameradInnen hatten ihr altes Plastikboot im letzten Jahr ihrem Verein abgekauft und bis Silistra/Bulgarien gerudert und dort in einem Garten sicher abgelegt. Montag mussten sie mit der Fähre nach Silistra übersetzen und ihr Boot suchen. Der Besitzer hatte inzwischen das Haus verkauft. Sie fanden ihr Boot in der Stadt abenteuerlich auf einem Schuppen einer Wäscherei verstaut ,aber es war noch vorhanden und ruderbereit! Wir hatten inzwischen einen C-Vierer, einen Klinkervierer und einen C-Zweier abgeladen und aufgeriggert und starteten mittags bei 35 C° im Nebenarm der Donau (Motto: "Wenn die Sonne am höchsten steht, der DRV aufs Wasser geht."). Wir ruderten 6 km gegen den Strom, bis wir bei Kilometer 370 den riesigen Fluss erreichten. Durch den hohen Wasserstand hatten wir jetzt eine gute Strömung. Die Donau hat eine mittlere Durchflussmenge von 6400 Kubikmetern/Sekunde! Diese Wassermengen führen über eine Million Tonnen schwebender Ausschwemmungen, Sedimente, im Jahr mit sich, den Rohstoff für den jüngsten Erdboden Europas.
Bis Tulcea hatten wir Landdienst, der die meiste Arbeit damit hatte, die Übernachtung zu organisieren. Manchmal zelteten wir am Ufer in der Nähe eines Dorfes oder schliefen in ordentlichen Hotels wie in Calarasi, Braila, Galati und Tulcea, einmal als Sammellager auf dem Fußboden einer von Mücken besuchten Kneipe, nachdem die letzten Gäste gegangen und wo die ersten Bauern vor 6 Uhr ihre Marktstände direkt unter unserem Fenster aufbauten. Im Delta - ab Tulcea - verzichteten wir auf den Landdienst und die meisten deutschen RuderInnen wurden mehr oder weniger freiwillig für eine Etappe zu Kanuten umfunktioniert. Einige fanden es prima, andere blieben lieber dem Rudern treu (bis zu einer Totalverweigerin). Die Paddelboote waren zwar langsamer, dafür aber leiser und konnten noch mehr Vögel beobachten.
Die Donau hatte die ganze Zeit starkes Hochwasser, sodass wir leider keine traumhaften Sandbänke zum Baden ansteuern konnten. Die Kunst bestand vielmehr darin, eine Stelle mit möglichst wenig Matsch und Modder zu finden, bei der wir nicht bis über die Knie versanken - nicht immer einfach, manchmal unmöglich. Aber die Hitze trieb uns immer wieder irgendwie ins Wasser. Die Wasserqualität erschien uns hervorragend. Mit ihren vielen Schwebestoffen tat sie der Haut sehr gut und niemand hatte Probleme.
Kurz vor Tulcea teilt sich die Donau zum ersten Mal. Der nördliche Kilianarm führt ca. 60% der Wassermenge mit sich. Hier an der ukrainischen Grenze fahren hauptsächlich die - wenigen - ukrainische Schiffe bis Ismail. Kurz unterhalb Tulcea teilt sich der Tulcea-Arm nochmals in den mittleren, kürzesten Sulina-Arm, der von der Großschifffahrt benutzt wird und in den 110 km langen, südlichen St. Georg-Arm. Dazwischen liegt ein 800.000 km2 großes Gebiet mit unübersehbaren Seen und Kanälen mit Schilf ohne Ende, Seerosen, Silber- und Seidenreihern, Pelikankolonien, Störchen, Adlern, Eisvögeln, Wasserschlangen, Blutegeln (glücklicherweise sah ich nur einen, während ich gerade badete. Er versuchte vergeblich unser Boot anzuzapfen (oder wollte er nur mit?).
Im Delta gibt es inzwischen neue, teure Hotels oder aber wie in St. Georg Privatquartiere. Hier am Schwarzen Meer machen viele Rumänen Urlaub bzw. besitzen dort ihr Sommerhaus. So hatten wir interessanten Familienanschluss und wurden hervorragend rundherum versorgt - Hauptmahlzeit: fangfrischer Fisch! Unseren wohlverdienten Ruhetag krönten wir mit Faulsein und Baden im Schwarzen Meer.
Ein Schiffer zog am nächsten Tag alle Boote 20 km flussaufwärts. Von dort wollten wir querab in 2 Tagen über die Seen und Kanäle bis Sulina rudern. Sulina liegt am Ende des Sulinaarms am Schwarzen Meer und ist der erste Anlaufpunkt mit Zollstation für Hochseeschiffe. Der alte Leuchtturm von Sulina liegt heute mehrere Kilometer vom Meer entfernt. Hier kamen wir in dem einzigen, halbfertigen Hotel mit Lumas unter. Beim warmen Bier kann man hier die vielen kleinen Fischerboote und die großen Hochseeschiffe beobachten. Die "Raketa" fährt zweimal täglich nach Tulcea, das normale Passagier- und Lastschiff fährt nur dreimal die Woche.
Unser zweiter Ruhetag wurde verkürzt, weil wir nachmittags ja unsere 5 Boote verladen mussten! Spannend!! Ich konnte mir erst nicht vorstellen, wie das vor sich gehen sollte, aber es ging: über das Landungsschiff freischwebend auf Deck. Im Bug lagen die beiden Vierer im spitzen Winkel zueinander und standen über, "gesichert" durch leere Plastikflaschen unter dem Kiel! Auf dem Deck vor der Brücke quer der Zweier und die beiden Paddelboote - ungesichert. Kein Problem, aber gewöhnungsbedürftig.
Unsere österreichischen RuderkameradInnen mussten uns leider schon nach 2 Wochen hier verlassen - schade! Wir hatten viel Spaß, gute Gespräche und Gesang miteinander. Lutz sang uns z. B. zum Abschied den Donauwalzer im Wiener Originaltext vor. Köstlich! Der einzige Regenschauer erwischte uns auf dem Schiff nach Tulcea - angenehm, endlich mal kurze Zeit weniger als 35°C.
Am nächsten Tag seilten wir die Boote von der "Banat" ab, die ganz außen als fünftes Schiff festgemacht hatte. Auch das eine neue Erfahrung! Alles klappte unbeschadet. Da unsere Älteste Geburtstag (71 J.) hatte, fuhren wir wunschgemäß nochmals einen Frauen-Vierer. Über einen schmaleren Kanal ruderten wir zum Kilianarm. An der Grenze zur Ukraine fuhren wir Neuwasser. In den 2 Orten am Kilianarm, in denen wir zelteten - einmal in einem Privatgarten, einmal auf dem Gelände der Grenztruppen - gehörten wir zu den ungewöhnlichen Gästen. Hierher verirrt sich wohl fast nie ein Westeuropäer. Die Familie, die neben ihren Ferienhütten ihren Garten zur Verfügung gestellt hatte, verwöhnte uns mit einmalig köstlichem, wirklich fangfrischem Fisch in gegrillter und gekochter Form und als super Fischsuppe. Die dazugehörige Knoblauchsoße bestand mehr aus Knofel denn aus einer Art Mayonnaise - himmlisch! Zum eingelegten Weißkäse gab's morgens meistens Wurst, Tomatensalat (nie wieder Treibhaustomaten!) und selbst gemachte Aprikosenmarmelade. Hier fanden wir auch endlich heraus, warum kaltes Bier für unsere Gruppe so ein Problem war: Bier ist zu teuer ( ca. 20.000 Lei = ca. 1,50 DM) und wird nicht in unseren Mengen verlangt. 100(!) ml Schnaps kosteten dagegen nur 4.000 Lei.
Unser letzter Rudertag bot nochmals Höhepunkte: Die einzige Badestelle befand sich auf ukrainischem Boden, gleich nachdem wir in den letzten schmalen Grenzarm abgebogen waren. Als wir den Golf von Musura am Schwarzen Meer nördlich von Sulina erreichten, ruderten wir vorsichtig durch einen Pflanzenteppich. Die Silhouette von Sulina schon vor Augen überquerten wir ihn bei ruhigem Wasser. Direkt vor der Durchfahrt zum Sulinaarm warteten mindestens 100 Pelikane auf uns, die sich auch durch unser Baden und Fotografieren nicht beeindrucken ließen! Ein toller Abschluss! Das Verladen auf die "Banat" mit vorherigem Abriggern war schon fast Routine, unser Lumahotelquartier vertraut, das Bier kalt.
Bei strahlendem Sonnenschein (3 Wochen über 35°C°) verließen wir das Delta. In Tulcea mussten wir sofort abladen. Wir schafften es, in einer guten halben Stunde alles an Land balanciert zu haben! Der Hänger wurde geholt, alles verstaut, Abschied genommen und eine ungewöhnliche Fahrt näherte sich ihrem Ende. Während die Busse noch bis Constanza fahren wollten, hatten wir 5 Zugfahrer uns in Bukarest für 2 Nächte angemeldet. Ute Pop hatte uns einem rumänischen Bekannten anvertraut, der uns rührend betreute, versorgte und uns Bukarest zeigte (Vielen Dank, Ute!) Am Samstag flogen drei von uns direkt nach Hause. Aleksandar und ich fuhren mit dem Nachtzug nach Belgrad. Im Vergleich mit unserer großen Donautour war für mich am auffälligsten die Freundlichkeit, Aufgeschlossenheit und Gastfreundschaft der Bevölkerung. Alles in allem eine schöne, erlebnisreiche Tour.
Gisela Temme