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"Hansa" (1879/83) e.V.

45. TID* 2000 - Mohac bis Vidin

Die TiD 2000 könnte mit folgender Meldung in den Medien erscheinen:

"10 deutsche RuderInnen im Boot auf der Donau - ahnungslose Touristen in Serbien 61 km bei 37°C und Gegenwind zum Rudern verdammt" - Ein Fall für amnesty, wie ein Ruderkamerad feststellte und sich beschweren wollte! Der größte "Trost" waren die kühlenden Nachrichten aus Deutschland über Kälte und Regen..

TID 2000:

3 1/2Wochen nur Sonne, Hitze (33°-37°C), angenehme 24°C Wassertemperatur, nette Gemeinschaft unserer DRV-Rudergruppe und viele fröhliche Kontakte zu den Kanuten aus Deutschland, Slowakei, Ungarn, Bulgarien, Serbien, Holland und Neuseeland.

Wir waren eine überschaubare Truppe: bis Belgrad ca. 70-80, bis Vidin, BUL, nur gute 50 Personen.

Die deutschen Kanuten sollten/wollten erst nicht durch Serbien fahren. Animiert durch die Entscheidung des DRV, auf alle Fälle zu fahren, entschlossen sie sich dann aber ebenfalls, diese Strecke wieder anzubieten. (1999 musste die serbische Strecke kriegsbedingt ausfallen).

Herrlich das Sprachgemisch in (viel) deutsch, englisch, serbisch, russisch (die Bulgaren sprachen leider nichts anderes), mit Händen und Füßen, Lächeln, Musik, Zeichnungen oder Slibovitz und "pivo", also allem, was die TID auszeichnet: Völkerverständigung durch gemeinsamen Wassersport und Austausch und Gemeinsamkeiten mit Kanuten. Wo und wann sonst steigen Ruderer freiwillig ins Paddelboot und Kanuten versuchen zu rudern?

Was war anders als meine letzte TID 1986?

- Die osteuropäischen Gruppen sind nicht mehr so stark oder gar nicht (Polen) vertreten. Reisen werden dort nicht mehr subventioniert und staatlich organisiert.

- Durch den Krieg und das Embargo trafen wir fast kein Schiff auf der Donau. Die Wirtschaft Jugoslawiens leidet stark darunter. In den 80ern war Jugoslawien ein blühendes Land, Dank Milosovic ist es heruntergewirtschaftet. Ein Durchschnittseinkommen liegt heute unter 100 DM mtl. bei deutschen Preisen für viele (elektr.) Artikel, der Wechselkurs für den Dinar änderte sich in 3 Wochen von 22 auf 26 Dinar für 1 DM. Die DM ist die Währung, auf deren Basis alle großen und kleineren Geschäfte abgewickelt werden und dann auch noch alles in bar! Nur Grundnahrungsmittel sind billig.

- Dazu kommt die ungewohnte Unfreiheit: Jugoslawen, die früher problemlos durch die ganze Welt reisen konnten, brauchen z.Zt. für alle europäischen Länder außer Bulgarien, Ungarn, Mazedonien und Rumänien ein Visum.

- Für uns überall (auch per Bus und Hänger) problemlose Grenzübergänge, leere Wachtürme (wer hat schon mal schwimmend, das Boot schiebend, eine Grenze passiert?).

Was ist unverändert?

- die endlosen, grünen, meditativen Ufer - herrlich zum Abschalten

- Baden in der Donau an einer der vielen Sandbänke

- herzliche Gastfreundschaft trotz der Bombardierung; egal wo wir anhielten: offene Türen.

- die berühmt, berüchtigten jugoslawischen "Delegacija" am Ende jeder jugoslawischen Etappe mit immer den gleichen bzw. ähnlichen Reden. Schöner wäre stattdessen mehr gemeinsame Zeit für Gespräche, fröhliches Beisammensein aller Tidler

- und natürlich die unveränderten "hygienischen Verhältnisse"- nichts für zart besaitete! Gummilatschen, Klopapier und gute Nerven, ein Muss! Alternativ zur Donau findet man irgendwo einen Wasserhahn im Gelände zum Waschen oder eine öffentliche, kalte Dusche z.B. im Schwimmbad. Alles sehr zur Unterhaltung der einheimischen Bevölkerung.

(Sollte ich zuhause mal vergessen, eine gewisse Tür hinter mir zu schließen oder abzuschließen, sind das noch Nachwehen der TID).

Highlights der TID 2000:

- Natürlich unser 1000-Sterne-Hotel unter der Milchstraße mit fließendem Wasser (der Donau) und traumhaften Sonnenauf- und

-untergängen. Wegen der Hitze - 33° bis 37° C jeden Tag - standen wir sehr früh auf und konnten so dieses Schauspiel immer wieder bewundern!

- Apatin, 1. Abend in YU -Was wird uns, nach aller Skepsis und Warnung, dieses Land zu besuchen, wohl erwarten? Nach einem fröhlichen Tid-Abend durften wir uns bis zum Morgengrauen die lautstarke Beschallung mit immer den gleichen Liedern eines Gestörten vom anderen Ufer des Kanals anhören.... ein "heiterer" Auftakt!

- In Bogojevo zelteten wir alle in den diversen Vorgärten der Sommerhausssiedlung. Die Familien freuen sich jedes Jahr auf diese skurrile Invasion, stellen Bad, Wasser und Slibovic freizügig zur Verfügung. Außerdem organisieren die Frauen das Essen und folkloristische Vorführungen für uns. Sogar der katholische Priester sowie der orthodoxe Pope gaben ihren Segen dazu.

- In Novi Sad wurden wir so richtig mit den Kriegsauswirkungen konfrontiert! Die große Autobahnbrücke liegt immer noch in der Donau und macht sie für die Schifffahrt unpassierbar. Da wir nur ca. 300 m davon zelteten, hatten wir an unserem Ruhetag Gelegenheit, uns intensiv mit der Situation auseinander zu setzen. In Gesprächen und bei Spaziergängen tauchte dieses Thema immer wieder auf! Ruderkameraden z. B. im Novi Sader RV saßen wenige hundert Meter entfernt auf ihrer Terrasse, als diese Brücke gegen 20 Uhr getroffen wurde.....

- Wir ruderten nach unserem Ruhetag darüber und treidelten an der provisorischen Pontonbrücke vorbei!

- Vor Slankamen liegt das Wochenendhaus von Aleksandar, einem serbischen Kanuten, der mit uns als "Gastarbeiter" einige Tage auch ruderte. Er lud alle RuderInnen und "assoziierte" KanutInnen dorthin zur Weinprobe seines selbst gemachten Weines (und Slibovitz) ein. Wir brachten Wurst, Käse, Brot usw. fürs Picknick mit und verbrachten einige nette Stunden auf der Terrasse mit Blick auf die Donau. Der "Slibovitz-Baum" im Garten animierte mich zeitweilig zum Mittagsschlaf.....

- In Belgrad zelteten wir auf dem "Lido", einem sehr beliebten Badeplatz auf der Insel in der Savemündung. Die Medien schmückten sich auch hier mit uns, aber die Stadt Belgrad stellte uns trotzdem den schlechtesten Platz der ganzen Tour zur Verfügung...

- Vor Dobra erwischte uns der "Koschawa", ein unangenehmer, starker Gegenwind. Er kräuselte die Donau stellenweise so stark, dass wir RuderInnen und die meisten Kanuten abbrechen und verladen mussten. Mit Hilfe der Händies und zwei Hängern wurden bis zum Abend alle eingesammelt. Zwölf Unverwüstliche mit entsprechenden Spritzdecken kämpften sich bis Dobra durch und wurden von uns mit riesigem Hallo empfangen.

- Die Fahrt durchs "Eiserne Tor" war wieder fantastisch. Gewürzt wurde sie zusätzlich durch eine Picknickeinladung mit allem Drum und Dran auf der wunderschönen "Räuberwiese"! Unser Dresdener Ruderkamerad hatte einen Kilometer vorher den Äquatorpreis geschafft Herzlichen Glückwunsch und vielen Dank, Wolfgang!

- Melonenbowle in Kladovo: am Ruhetag fuhr ein Bus mit Kanuten und unseren Saarbrückener Ruderkameraden nach Hause. Damit wir ihn nicht vergessen, sollte ich seine ganzen restlichen Dinare in "irgendwas" für alle umsetzen. Aus dem "irgendwas" wurden zwei Melonenbowlen und ein Teil Obstsalat. Zu dritt hatten wir Obst, Flaschen und eine quitschpinkige Plastikschüssel eingekauft. Als die Temperaturen angenehmer wurden, haben Elsbeth (Kanutin) und ich ausgehöhlt und wieder gefüllt, geschnippelt usw. - alles auf dem Hänger. Darum stellten wir auch die Bänke, holten Licht und verlebten einen urgemütlichen, urigen Abend um diesen riesigen "Tisch" - Hardi müssen die Ohren geklingelt haben.

- An unserem letzten Abend spielten in der Festung von Vidin die Vidiner Philamoniker unter freiem Himmel für uns alle. Ein schönes Konzert, bei dem die ganze Fahrt nochmals Revue passierte und anschließend das große Abschiednehmen stattfand.

Fazit:

Es war eine leicht abenteuerliche, interessante Fahrt mit vielen netten Menschen, herzlicher Gastfreundschaft, guter Küche und Hitze!

Nie wieder TID! Immer wieder TID!

*TID = Tour International Danubien

Gisela Temme

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