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Bremer Ruder-Club "Hansa" (1879/83) e.V. |
Erster Tag: Bremen - Eisenhüttenstadt
Die Hansadamen Gisela, Ursel, Anneliese, Helga, Bothi und Elke gratulierten erst Hubert zum 95., um dann am Bahnhof auch die Vegesackerinnen Maren, Margot, Christa, Ingeborg und Petra herzlich zu begrüßen und Anne, wiederum von Hansa.
Der Anschlusszug in Hannover nach Berlin kam mit großer Verspätung. So konnten wir uns einiger Lasten entledigen. Wir ließen schwere Sektflaschen knallen, vertilgten Helgas Butterkuchenmengen und lüfteten Margots Geheimnis: Das große, schwere "Schinkenbrett" entpuppte sich als eine von Linde gestiftete 2-kg!!!-Tafel Milkaschokolade. Sie wurde von Margot ganz gerecht geteilt und jede von uns hatte anschließend ein kleines Schokoplastiktütchen im eigenen Gepäck für besondere Notlagen. Auch alle anderen netten Mitbringsel der diesmal nicht Mitfahrenden wurden ausgepackt und so erfreut begrüßt, dass Gisela gleich beim Kiosk passende Dankeskarten besorgte und wir neue Regeln aufstellten: Wer nicht mitfährt, erkauft sich seine Abwesenheit mit entsprechenden Mitgaben (aber bitte klein und leicht), wer nach dem Fehlen wieder dazukommen will, erkauft sich ebenfalls seinen Einstand.
Am Ziel angekommen gings per Taxi und Stadtbus zum Gästehaus. Hier konnten wir den alten Ossimuff noch in Reinkultur erleben. Dafür war unser Abendessen beim Italiener um die Ecke Spitze. In bester Laune zogen wir im Dunkeln wieder "heim", rüttelten verständnislos an der geschlossenen Tür, bis wir lachend feststellten, dass wir bei der AWO gelandet waren! Ja, ja, die Plattenbauten!!! Eine Ecke weiter fanden wir dann die richtige Tür und unsere Betten.
Zweiter Tag: Eisenhüttenstadt
Nach dem Frühstück gings wieder zum Bahnhof, wir wollten zum Kloster Neuzelle. Wir lösten Tickets, die eigentlich keine waren, aber wir konnten sie später für den Bus benutzen. In Neuzelle besichtigten wir Klosterkirche und Kreuzgang, ließen aus vermeintlichem Zeitmangel die Klosterbrauerei aus und warteten dann 20 Minuten am Bahnhof - Pech.
Dann suchten und fanden wir die Barkeneinsatzstelle, der Bus mit Barke kam nach nur kurzer Wartezeit. Ingo inspizierte das Gelände und entschied sich dafür, die Barke über die lang gezogenen Stufen am Steg des Rudervereins einzusetzen. Ich denke, es war eine Meisterleistung. Alle packten mit an und nach kurzer Zeit war die "Neptun" entkleidet, entladen, losgebunden und Schritt für Schritt mit immer wieder angeschraubten Auslegerpaaren zu Wasser gelassen. Anschließend wurde "Neptun" ruderfertig für den nächsten Tag am Anleger verzurrt.
Zurück im Gästehaus erhielten wir die Nachricht, dass an der Kasse des Friedrich-Wolf-Theaters Karten für das Konzert des Nachwuchschors der Regensburger Domspatzen parat lägen - Beginn 18 Uhr. Also gleich weiter, um unterwegs wenigstens noch einen Kaffee zu genießen. Besonderer Glanzpunkt des Konzerts war der Ansager und Geschäftsführer der "ost neue medien gmbh". Es gelang ihm, 50 Jahre Eisenhüttenstadt und 50 Jahre Regensburger Domspatzen wie auch immer zu verquicken!!! Aber das Konzert war sehr schön.
Der Tag fand den kulinarischen Abschluss wie am Vorabend beim Italiener.
Dritter Tag: Die Barkenhexen-Odertour beginnt.
Eisenhüttenstadt - Frankfurt
Das ließ sich ganz gut an: Zuerst musste Anne von der Schleuse zum Gästehaus zurückjoggen, um das liegen gebliebene Fernglas zu holen. In der Schleuse verhakt sich der Piekhaken in der Leiter. Gut, dass Bothi die Situation blitzschnell klären kann. Dann schwimmt auf einmal die wasserfest verpackte Wasserwanderkarte im Kanal, die wir aber durch Rückwärtsrudern bergen können.
Nach einigen Kilometern auf dem Kanal (Eisenhüttenstadt) erreichen wir die Oder bei Kilometer 554. Die Besetzung der Steuerbank wird in interessante Gespräche verwickelt, damit ihre Aufmerksamkeit von dem Km-Schild "555" abgelenkt wird. Aber...... jemand macht ...pssst, pssst..... Gisela als pfiffige Steuerfrau ahnt sofort etwas und lässt "Ruder halt!" machen. Da zerplatzen alle Träume von einem Eisbecher!!!
Die Oder führt wenig Wasser und die Berufsschifffahrt ist eingestellt. Somit gehört der ganze Fluss uns. Nur auf Steuerbord-Landseite sitzen häufig polnische Sonntagsangler und auf Backbord-Landseite sitzen deutsche Sonntagsangler. Frankfurt/Oder erreichen wir bei Kilometer 583. Auf der Oderbrücke in Richtung Polen ist Stau, während wir auf dem Wasser alleine sind. Auf Backbordseite rudern wir in die "alte Oder", um zum Ruderverein zu kommen. Trotz leichter Niedrigwasser-Probleme erreichen wir den Steg. Unser Hotel "Zur alten Oder" (nur 500 m vom Anleger des Rudervereins entfernt), ist die große Überraschung für uns. Wunderbar tapezierte und ausgestattete Zimmer. Und was erwartet uns wohl in Zimmer 102? Ein Hochzeitszimmer, das Bett mit Schleier und Baldachin, Herzen usw. Bothi und Maren haben diese Traumnummer "102" gezogen. Somit vollzieht sich die Verbindung zwischen Hansa und Vegesack. Wie rein zufällig empfängt uns unsere Fahrtenleiterin Gisela mit einem Glas Sekt. Das passt so richtig zu diesem Hotel oder hat es was mit dem Kilometerschild 555 zu tun?
Die Besichtigung der Frankfurter Altstadt (Marienkirche, Rathaus und Post sowie der Lennée-Park) wird von uns bei Regen absolviert. Insgesamt sind wir alle vom Wiederaufbau dieser Stadt begeistert.
Spät abends bummeln wir noch zum alten "Speicher". Dort sind viele Fotos der Hochwasser-Katastrophe von 1997 zu sehen. Das Wasser war 6,57 m über N.N. hoch. Bei einem Glas Bier und munteren Gesprächen lassen wir den erlebnisreichen Tag ausklingen.
Vierter Tag: Frankfurt - Kienitz (knapp 50 km)
Zum Frühstück erschienen Bothi und Maren als Hochzeitspaar mit Schleier und verklärtem Blick. So freuten wir uns schon auf die Hochzeitsgondel.
Zu Fuß wurde der Weg mit Gepäck zur Barke bewältigt. Schöpfen angesagt. Den leichten Regen sahen wir positiv für unsere Haut, unterstützten den "Wellnesstag" noch mit einem guten Tropfen Wein (Hinterlassenschaft der Männer) und erfreuten uns an Annelieses Regenlied. Mit großem Eifer präsentierten sich hier die Barkensängerinnen in unterschiedlichen Frequenzen. Waren uns die Regensburger Domspatzen doch grade noch in frischer Erinnerung. Mal mit, mal ohne Regen gings weiter, die letzten 15 km zeigte sich der Wind wieder sehr misslich. Es war harte Arbeit (Schaumkronen) und die Berührung mit der blauen Tonne beim Einbiegen in die Sportbooteinfahrt haben wir knapp vermieden. Wir wollten es einfach den Männern nicht gleichtun.
Übernachtet haben wir im nahe liegenden Ferienhaus Kienitz. Das Personal und die Sonne waren sichtlich bemüht, uns einen fröhlichen Grillabend zu gestalten. Bereichert wurde der Abend durch einen Kurzbesuch in der benachbarten Dorfkirche (teilweise Ruine), wo wir noch einen kleinen Eindruck von den Malkünsten der alten Pfarrersfrau (etwa 80 Jahre) bekamen. Unseren Absacker nahmen wir im Garten der wohl einzigen Kneipe des Dorfes Kienitz. Mit dem Erlebnis einer romantischen Abendstimmung am Deich konnten wir den Tag zufrieden ausklingen lassen, bewacht von vielen Gartenzwergen in der Nachbarschaft.
Fünfter Tag: Kienitz - Oderberg
?????? Fand aber statt - wir waren da!
Sechster Tag: Oderberg - Eberswald -Chorin -Oderberg (Radtour)
Für heute wurde uns ein ruderfreier, Radfahr-Ruhetag zugesagt. Mal sehen, wie die Oderlandschaft vom Land aus sich darstellt.
Nach einem opulenten Frühstücksbüfett suchte sich jede ein geeignetes Gefährt und los gings, fröhlich beschwingt durch ein Gläschen Sekt, welches uns Ulla und Werner anlässlich ihrer Silberhochzeit spendiert hatten.
Unser erstes Etappenziel war das Schiffshebewerk in Niederfinow. Schon in der Schule hatte ich von diesem technischen Wunderwerk gehört, ohne mir die Funktion allerdings richtig vorstellen zu können. Schon von unten betrachtet ist dieses Bauwerk aus vielen Stahlträgern riesig und beeindruckend. Aber erst der Blick von oben in die funktionierende Technik erschließt uns die ganze faszinierende Anlage. Man hätte stundenlang zuschauen können oder vielleicht einmal mit der Barke schleusen?
Weiter ging es entlang des alten Kanals mit seinen vielen im Verfall begriffenen Schleusen. Zwar hat dieser Schleusenweg im Moment nur historischen Wert, doch habe ich gelesen, dass Kanal und Schleusen demnächst als Sportbootwasserwege wieder gangbar gemacht werden sollen. An einer dieser Schleusen fanden wir auch ein paar seltene Orchideen, sicheres Zeichen, dass hier die Natur noch in Ordnung ist.
Allmählich stellten sich nun auch wieder erste Hungergefühle ein und so waren wir gespannt, was sich hinter dem Bretterzaun mit der Aufschrift "Angelbad" verbarg. Wir kamen genau richtig, um das Öffnen des Räucherofens zu erleben. Goldbraun und duftend wurden eine Reihe Aale ans Tageslicht befördert. Im Nu hatte unser freundlicher, junger Mann unter den schönen, alten Bäumen einen köstlichen Imbiss bereitet. So gut hat uns allen wohl schon lange kein Fischbrötchen mehr geschmeckt.
Gut gestärkt ging es den Treidelweg weiter, Richtung Eberswalde. Dort verhalf uns ein kräftiger Regenschauer zu einem kurzen Zwischenstop. Dann ging es weiter zum nächsten Ziel, dem Kloster Chorin. Es war schon später Nachmittag, als wir den mächtigen Backsteinkomplex aus dem 13. Jahrhdt. endlich erreichten. Eigentlich besteht das Kloster schon seit Jahrhunderten nur noch aus gut präparierten Ruinen, aber vielleicht erzeugt gerade der Kontrast aus dicken Backsteinwänden und den Zeichen des Verfalls diese besondere Atmosphäre. Umgeben von diesen alten, schönen Bäumen wäre ich gerne noch lange dort geblieben. Aber es lag ja noch ein längerer Heimweg vor uns. Und los ging es, geradewegs über den ehemaligen Weinberg der Mönche. Das Kopfsteinpflaster war sicher auch noch aus mönchlicher Zeit und für uns asphaltverwöhnte Pedalritter etwas gewöhnungsbedürftig. Auf einer Waldlichtung wurden noch einmal letzte Kraftreserven mobilisiert und in Erwartung kommender Flusstage wurde noch kurz vor unserer Unterkunft der Vitaminvorrat in Form vieler Kilos gelber und roter Mirabellen ergänzt.
Sechster Tag: Oderberg - Gartz
"Wachet auf, wachet auf, es ist nun so weit, zu rudern die Barke, sie steht schon bereit." So weckte uns Ingeborg mit heller Stimme. An diesem Tag sollte es nach Schwedt gehen. Wir hatten Wind von achtern. Hinter dem umstrittenen 88-km-Schild wurde gesegelt. Welch Wohltat, endlich mal nicht gegen Wind. Vor der Schleuse zum Hohensaatener-Friedrichstaler-Kanal hockten ein paar Störche in ihrem Nest und etwas weiter hin begannen wir mit Pflaumenkern-Weit-Spucken, während Petra immer noch nach ihrem Kaffee fahndete. Zwischendurch meinte sie, Bothi solle schon mal ihre Zähne zum Schlepper-Lächeln ausfahren.
Dann öffneten sich die Schleusentore. Eine Schute fuhr hinein, dann das Motorboot "Sabine" aus Bremen, danach wir und schließlich noch drei weitere Motorboote. Neugierig wurden wir von den anderen beäugt - doch das kennen wir ja schon - und plötzlich rief jemand verwundert: "Das sind ja alles Frauen!!" Während wir rund einen Meter abgesenkt wurden, bändelte Gisela mit dem Eigner von "Sabine" an und Bothi setzte diese Anbandelei nach der Schleuse in Realität um. Es war 10.43 Uhr. Ach, war das ein schönes Gefühl, so dahin zu gleiten! So rauschten wir dahin. Rauschten auch an Stolpe vorbei, unserem einzigen Ziel, das auf dieser Reise als Zwischenhalt angesteuert werden sollte. Wir sahen es und ... weg war es, oder besser wir.
Wir suchten vergebens nach den schönen runden Bäumen vom Oder-Oberlauf. Wir suchten nach den vertrauten Reihern und Adlern. Nichts davon zu sehen. Gelegentlich kam ein Mobo von vorn, dann ein Hotelschiff, eine Schute kippte ein paar Liter Wasser in unsern "Neptun". Dann gab's da noch einige Gänse und Schafe. Na, wenigstens etwas. Es wurde wärmer. Es war ja auch schon 12.30 Uhr und die "Sabine" schleppte uns immer noch und verbrauchte ihren Sprit. Doch kurz vor Schwedt wurden wir abgetütelt. Aber nach unserem Stegpicknick saßen wir um 15 Uhr alle wieder im Boot und wurden von der "Warnow" die 20 km nach Gartz geschleppt.
Gegen 18 Uhr erreichten wir in Gartz einen nagelneuen Bootsanlegeplatz. Stadtgrün war noch nicht da, der Anstrich fehlte noch, aber die Steinsetzer waren fertig.
Es war viel Phantasie und Fingerspitzengefühl nötig, um die Barke anzutüteln, mit den flachen Fendern die Dollen zu schützen und sie dann auch noch mit der Stahltrosse zu sichern.
Nun ging es auf Sightseeing-Tour durch Gartz. Große verunkrautete Flächen, auf denen früher wohl mal Gebäude standen, wechselten mit liebevoll renovierten und gestrichenen Häusern. Die Kirche war 1945 ausgebrannt und ist jetzt zur Hälfte wieder gebrauchsfähig. Wir kamen an blühenden Gärten mit vollen Obstbäumen vorbei und gingen durch das Stettiner Tor in die Stettiner Straße, die früher mal Friedensstraße hieß. Dieser Name ist durchgestrichen.
Dann ging es mit dem Bus wieder nach Schwedt.
Siebter Tag: Gartz - Szczecin
Das Taxi brachte uns von Schwedt nach Gartz und im Nu drängten wir ins "Pommerstübchen", wo ein super Frühstück auf uns wartete mit allem, was das Herz begehrt. Aber zuerst war es ein ungeahnter Augenschmaus: purpurrote Tischdecke, purpurrote Stühle, silberne Kerzenleuchter und Sekt gab es auch, spendiert von Anneliese, die auf diese Art an den Geburtstag von Klaus dachte. Ich glaube, wenn es nicht die letzte Reiseetappe gewesen wäre und wir rechtzeitig in Szczecin (Stettin) sein wollten, wären wir noch ein bisschen geblieben, so gemütlich war es.
Aber die Barke wartete und mit ihr zwei Maler, die just im Hansarot die Spundwand am streichen waren. Natürlich mussten sich die beiden einiges sagen lassen, obwohl sie noch etwas Platz zum Einsteigen frei gelassen hatten, aber nicht das Stück, wo wir ran mussten, um die Knoten zu lösen. Und wie jeden Morgen ging alles schneller als gedacht.
Nach Mescherin, dem Grenzübergang, war es nicht weit. Dort hatten wir reichlich Gelegenheit ein wundersames Treiben zu beobachten: Schiffe legten an, Busse fuhren vor und über die Brücke zog ein Menschenstrom. Die Erklärung war, man konnte für wenig Geld ein bisschen auf dem Fluss fahren, zollfrei einkaufen, vor allem Hochprozentiges, das nur zum Verdünnen, nicht zum Trinken geeignet war und zu Fuß wieder nach Hause laufen. Die Grenze, die bislang in der Weite der Flusslandschaft nicht wahrnehmbar und auch fassbar war, wurde zur grotesken Realität, doch wir ruderten weiter und konnten wieder eintauchen in die grau verhangene Oderwelt, erneut Ruhe genießen. Nach meiner Erinnerung waren es mit die ruhigsten Stunden. Vielleicht, weil sich schon etwas Abschiedswehmut breit machte, wir wussten, dass uns bald das lärmende Stadtleben wieder einholen würde und uns dann nur noch die Erinnerung bleiben würde und jede noch einmal Natur, Vögel, Landschaft in sich aufsaugen wollte. Wie auch immer. In einer kleinen Bucht gab es das obligatorische Picknick und dann bald tauchten mehr und mehr Häuser auf und plötzlich ein hektisches Rudern, es muss so ähnlich wie beim Kutterpullen ausgesehen haben und genauso plötzlich, wie es angefangen hatte, hörte es wieder auf: Wir unterfuhren die Eisenbahnbrücke, aber der Zug war schon wieder weg! Und 100 m weiter gab es lange Gesichter, erneut überquerte ein Zug die Brücke. Alle zählten mit, es wurden 42 Waggons gezählt und die Steuerleute konnten ihre Schadenfreude nicht verbergen.
Erneut fing es an zu regnen und im Grau wurde unsere Einfahrt bei Kilometer 34 gesucht und nicht gefunden. So meldeten wir uns irgendwann per Handy bei Herrn Baumann, der die Barke zurück nach Eisenhüttenstadt bugsieren sollte. Für ihn kein Problem, denn er fand im Motorsportclub Delphi sofort jemand, der sich mit dem Motorboot auf die Suche nach uns machte und auch bald fand. Nun wurde es reichlich spannend, insbesondere für alle am Ufer, die weder so ein Ruderboot je gesehen hatten, noch zwölf Frauen, die so ein Riesenteil zu bugsieren wussten. Gerade mal passte die Barke quer in die Seitenbucht. Damit wir sie an den Haken bekamen, versuchten Bothi und Margot, sie hinten zu beschweren und es war ein Bild für die Götter als die Männer begriffen, welch körperlicher Einsatz nun auch von ihnen verlangt wurde und so krabbelten zwei Gewichtige zu den Leichtgewichtigen und die Barke wurde eingehängt und rausgekurbelt.
Der Regen war immer heftiger geworden. Alles wurde verstaut, was nicht niet- und nagelfest war, wurde festgetütelt. Jedes Stadium wurde von Herrn Baumann fotografiert. Als die Frauen sich auch noch mit der Anhängerkupplung bestens auskannten, meinte er anerkennend: "Die Frauen wissen echt Bescheid!". Dann fuhr er los und wieder war es eine Frau, der es auffiel. "Stop!" Die Handbremse vom Hänger war noch gezogen. Dann aber ins Taxi und zum Hotel. Unsere polnischen Helfer wollten kein Geld annehmen und meinten, unter Wassersportlern helfe man sich doch gerne.
Das sollte sich am Abend ändern, denn der Portier schickte uns in ein Lokal, wo es zwar super leckeren Fisch gab, aber man uns ausnahm, wie es vielleicht "dummen Touristen" passiert oder vielleicht zwölf Ruderinnen, die geschafft waren und nur ans Essen denken konnten und nicht daran, den Preis und das ganze Drum und Dran zu erfragen. Aber bei all diesen Abenteuern weiß man ja auch, dass einem das nur einmal passiert.
Aber eine fehlte in der Runde, wurde vermisst, die Barke war weg, alle halbe Stunde seufzte eine, überlegte laut, ob sie wohl schon angekommen sei und ob mit ihr wirklich alles okay sei, mit der guten alten Barke ...
Achter Tag: Szczecin
"Meine Herrschaften!" Mit diesen Worten begann die knapp 3-stündige Stadtführung durch Stettin. Mir schwante eine elend langweilige, auswendig gelernte und nun abzuspulende Dauer-Rede "links sehen Sie ........ rechts sehen Sie ......... aber...." Unser polnischer Guide (von Beruf eigentlich Mathe-Lehrer, der aber die deutlich lukrativere Einkommensmöglichkeit wählte) gab uns einen lebendigen Überblick zur 750-jährigen Stadtgeschichte und zeigte uns dabei bereits wieder hergerichtete historischenGebäude und Anlagen. Schlecht zu Fuß durfte niemand sein (Tempo, Straßenzustand, Fußbekleidung). Der Stolz auf die Leistungen seiner Heimstadt bzw. seiner Bürger war nicht zu überhören, auch sein gutes Deutsch nicht. Unsere vielen Fragen zur jetzigen Lebenssituation in Polen beantwortete er frei heraus. Über die zukünftige politische, wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung wollte er sich aber nicht so recht äußern. Mit einer gewissen bedauernden Gestik und Mimik meinte er immer wieder: "Meine Herrschaften, man wird sehen, na ja!"
Auch die für jeden polnischen Katholiken obligatorische, für ihn selbst aber noch ausstehende Pilgerreise zur Schwarzen Madonna in Tschenstochau wurde auf diese Weise kommentiert.
Das heutige Stadtbild von Stettin kann nicht durch eine neue Altstadt bestechen (wie z.B. Danzig), wohl aber durch großzügige, boulevardartige Straßenanlagen und entsprechende Plätze und Grünanlagen, vermischt mit östlicher Betonromantik und noch recht spärlicher westlicher Eleganz.
Dem Trubel der betriebsamen Großstadt ("Helmutschki fährt auch Leute platt") entkamen wir dann am Nachmittag. Die lahmen Rücken und Füße regenerierten bereits beim Riesen-Schleckeis (das erste!! auf dieser Tour!) im blassen Sonnenschein am Ausflugspier.
Selbst am ruderfreien Tag können wir nicht vom Wasser lassen! Der Sightseeing-Dampfer schipperte mit uns durch einen Teil der Stettiner Hafen- und Industrieanlagen und ein Stück flussabwärts Richtung Oderhaff. Viele kleine Inseln können von den "Parzellisten" nur per Boot erreicht werden, andere sind unbewohnt, und alle stehen unter Naturschutz. Der Dabie-See ist ein 56 qkm großes stilles Naturparadies. Trotz heftigem Wind und empfindlicher Kühle genossen einige von uns die Fahrt auf dem Oberdeck, eifrig lauschend auf die erläuternden Worte eines Ortskundigen. Auch er, dieser bereits mehr als 70-jährige Herr, spracht gut Deutsch, das er notgedrungen als 18-jähriger Zwangsarbeiter in Deutschland und später freiwillig weitergelernt hatte.
Den Abschluss dieses Tages genossen wir im "Chata". Ein einfachst dekoriertes kleines Schaufenster, ein Blechschild, zu wenig Farbe auf der hölzernen Hauswand - das sollte ein gutes Lokal sein?? Na ja! Es wurde schließlich von unserem Stadtführer empfohlen und begutachtet, auch das Preisniveau, unsere FL war dabei (!!!). In diesem wohl nur Insidern bekannten Kellerlokal ließen wir uns echte polnische Gerichte schmecken wie Borschtsch, Proggen und Bigosch. Allerdings fehlte mal wieder das Goldrand-Geschirr! Leider wurde die Oldi-Tanzmusik dann so laut eingestellt, dass wir bald ein Bett oder unsere auch nicht gerade ruhige Hotelhalle bevorzugten. Dort begrüßten wir noch Ernst, der seine Petra einfing. Gleichzeitig verabschiedeten wir beide in ihren Urlaub mit einem fröhlichen "Na ja, man wird sehen."
Neunter Tag: Szczecin - Bremen
"Spät --- sehr spät --- zu spät" war das Motto unseres letzten Tages, der Rückfahrt. "Zu spät" kamen wir zum Frühstücksbüfett. "Spät" kamen die Taxen, die uns zum Bahnhof bringen sollten, sodass einige schon etwas nervös wurden. Dabei war alle Sorge völlig umsonst! "Viel zu spät" kam unser Zug von Stettin nach Angermünde. So spät, dass wir in aller Ruhe Christa suchen konnten, die auf den vielen Auf- und Abwegen zum richtigen Gleis verloren gegangen war. "Sehr spät" kamen wir deshalb in Angermünde an und mussten im Eiltempo das Umsteigen mit all unserem Gepäck schaffen. Nun gings weiter nach Lichtenberg. Dort konnten wir natürlich nicht in die geplante S-Bahn umsteigen, sondern in einen weitaus späteren Zug. Mit dem fuhren wir dann auch nicht - wie gebucht - nach Berlin-Spandau, sondern zum Berliner Ostbahnhof, um dort trotz unserer Verspätung den IC nach Bremen zu erreichen. In Bremen kamen wir pünktlich an und wurden herzlich von einigen Daheimgebliebenen empfangen.
Eine schöne, fröhliche, harmonische, leider äußerlich kühl-feuchte Fahrt war zu Ende.
Prolog
oder wie die Barke aus Stettin geholt wurde.
Die Oder-Barkenfahrt 2000 der Frauen war fertig durchgeplant, die Quartiere gebucht, die Zugkarten bestellt, die Übernahme der Barke in Eisenhüttenstadt mit den Männern abgesprochen, es blieb nur eine Frage offen: Wer macht den Rücktransport der Barke aus Stettin? "Kein Problem!", sagten die jungen Trainingsleute vom VRV. "Wir holen den Hänger von Eisenhüttenstadt und treffen euch am Ziel in Stettin, picken die Barke hinter den VRV-Bus und fahren damit nach Beskow, um unsere Fahrt zu starten." "Oh, wie schön!", dachten wir, "dann ist ja alles okay." Leider nicht! Ca. zwei Wochen vor Fahrtbeginn erklärten sie uns mit Bedauern, dass keiner von ihnen den Bus plus Barke ziehen dürfe, da die neuen Führerscheine nur eine Zuglast von drei Tonnen erlauben und das Zuggewicht Bus plus Barke eben höher sei und dass sie auch kein anderes Auto zur Verfügung hätten. Was nun? Henning Siemßen erklärte sich bereit, uns die Barke aus Stettin zu holen, und da wir privat kein passendes Auto fanden, wollte er eins mieten, nach Eisenhüttenstadt fahren, den Hänger ankuppeln, um uns dann in Stettin in Empfang zu nehmen, mit Rücktransport der Barke nach Beskow. "Oh, wie schön!" dachten wir, "dann ist ja alles okay." Leider nicht! Alle Autovermieter lehnten es ab, einen Wagen dieser Größe nach Polen zu verleihen!! (Warum wohl?) Was nun? Neue Idee: Der Schwager von Klaus Sieg (Bimbo), Jochen Fendt (Billy), wohnt in der Nähe von Beskow. Also, Bimbo rief ihn an, Billy erklärte sich bereit, einen Fahrer plus Auto zu beschaffen und hatte auch bald einen gefunden, der für uns den Rücktransport machen wollte. "Oh, wie schön!" dachten wir, "dann ist ja alles okay." Leider nicht! Der junge Mann hatte gerade an diesem Wochenende eine Weiterbildung zu machen und damit keine Zeit mehr für uns!
Was nun? Die Zeit drängte, das Problem wurde überall diskutiert und hatte sich ein bisschen gelöst, da Henning doch noch eine Möglichkeit fand, ein Auto zu mieten. Da wir ihm aber auch den Weg ersparen wollten, blieb noch eine Chance, an Ort und Stelle einen Rücktransport zu organisieren. Gehofft und geschafft: Gleich in Eisenhüttenstadt angekommen, sprach die pfiffige Gisela einen Taxifahrer an und schilderte ihm unser Problem. "Da fragen wir mal den Baumann, der müsste das können. Hat früher Lastwagen gefahren.", war die Antwort. Gesagt und getan: Unser Retter hieß Roland Baumann, Taxibetrieb für Kurfahrten, Krankenfahrten und ab jetzt auch für Barkenfahrten! Am RV Eisenhüttenstadt lernten wir ihn kennen und er unsere Barke und den Trailer, und in Stettin stand er schon an der Rampe und nahm uns in Empfang. Nach dem Verladen fuhr er in Begleitung eines polnischen Freundes unsere Barke sicher und problemlos nach Beskow. Wir waren sehr erleichtert, alles hatte perfekt geklappt, wie wir dann noch telefonisch erfuhren, und 500 DM waren ein fairer Preis dafür.
PS.: Die Kosten für die zahllosen Hin- und Hertelefonate wurden dabei nicht mit angerechnet.
Alle vorliegenden Berichte zusammengefasst von Anne Loschky