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"Hansa" (1879/83) e.V.

Die Barkenbrüder auf der Donau

Es ist Freitag, der 23.6.2000.

Ein Datum, würdig, sich zu merken, aber kein merkwürdiges Datum. Neun Männer in den besten Jahren; Spötter meinen, die guten liegen schon hinter ihnen, begrüßen sich herzlich auf dem Vorplatz des Bremer Ruder-Club "Hansa".

Es sind Barkenbrüder. Hinter den Männern liegen die Barke "Gustav" und der Gig-Zweier "Werra" auf einem Trailer und jetzt wird auch der Sinn dieses Treffens klar. Die Barkenbrüder gehen, wie in jedem Sommer, auf Fahrt.

In diesem Jahr ist die Donau das Ziel.

Die Männer wissen, dass die Mannschaften noch nicht komplett sind und freuen sich darauf, die übrigen fünf Barkenbrüder in Katharinenberg begrüßen zu können. Die 14 Barkenbrüder werden dann von Neuburg nach Hofkirch bei Vilshofen rudern. Dieses Endziel kennt zu diesem Zeitpunkt allerdings noch keiner der Barkenbrüder. Alle glauben noch, dass die Boote in Straubing - ca. 40 km vor ViIshofen - wieder an Land gebracht werden. Es sollte anders kommen.

Doch zunächst erscheint auf dem Vorplatz der "Hansa" erst einmal unser Barkenkapitän Gerhard Johannsen. Und was führt er mit sich? Na? Köstlichen Sekt, den er uns an diesem Morgen kredenzt und mit dem er uns alles Gute für die Fahrt wünscht und uns auf die Reise schickt. Das macht er in jedem Jahr so und wir möchten diese Zeremonie nicht missen.

Um 6.30 Uhr geht es los und wir erreichen ohne besondere Vorkommnisse Neuburg an der Donau. Gegenüber vom Donau-Ruderverein Neuburg gibt es eine Schräge und dort bringen wir die Barke zu Wasser. Anschließend rudern wir die Barke vollbesetzt über die stark fließende Donau zum Ruderverein und machen sie dort fest. Peter Colby, als alter Skipper, steuerte uns und das Anlegemanöver klappte hervorragend.

Dann machten wir uns auf, zum Gästehaus Berghof in Katharinenberg, begrüßten dort unsere fünf bereits eingetroffenen Barkenbrüder und verbrachten gemeinsam einen lustigen Abend bei hellem und dunklem Bier und deftiger Kost.

Nur ein armes Barkenbrüderchen saß vor seinem Bier und mochte gar nicht so gerne trinken. Das Barkenbrüderchen hatte den Abend zuvor seinen Hochzeitstag gefeiert und anscheinend etwas zu tief ins Glas geblickt. Ich sage aber nicht, wer das war. Nur so viel: Herzlichen Glückwunsch noch nachträglich, lieber Charly. Und Bärbel gratulieren wir natürlich auch.

Jede unserer Fahrten wird ja mit etwas Kultur gewürzt. Und so stehen die Barkenbrüder am Vormittag des 24.6. im Innenhof des Schlosses von Neuburg und lauschen den Worten des "Burgfräuleins" Frau von Markworts. Sie führt uns durch das Schlossgelände und erzählt mit Begeisterung von der Erbauung des Schlosses und vom Leben seiner Bewohner. Nichts ist Routine. Die längst verstorbenen Akteure und Charaktere sind in ihr noch ganz lebendig. So macht Geschichtsunterricht Spaß.

Nach der Besichtigung der Kapelle führt sie uns noch in die in einem Nebengebäude untergebrachte Bibliothek und wir sind erstaunt und begeistert über die Pracht und die geschmackvolle Einrichtung. Man kann das schlecht beschreiben; so etwas muss man einfach selbst gesehen haben.

Nun wollen wir aber auch endlich rudern.

Als wir in der Barke sitzen, sagt mein Nebenmann zu mir: "Weißt du, die Kultureinlagen sind ja sehr schön, aber letztlich bin ich doch froh, wenn ich wieder im Boot sitze." Ich pflichte ihm bei und füge hinzu, dass der Wechsel das Interessante ist. Nur zu rudern ist nicht das Richtige und nur Kulturschätze zu bewundern ist es auch nicht. Und so legen wir uns denn in die Riemen und rudern 17,4 km von Neuburg nach Ingolstadt.

Wir haben uns mit Bedacht etwas geschont, denn heute, da wir alle versammelt sind, ist "offizieller" Begrüßungsabend und den pflegen wir immer mit Vergnügen etwas auszudehnen und da muss man natürlich frisch sein. Übrigens, offiziell heißt: auch den Regularien entsprechend gekleidet zu sein, nämlich: Clubjacke, graue Hose, weißes langärmeliges Oberhemd, Clubkrawatte, graue Socken und schwarze Schuhe. Wer gegen die Kleiderordnung verstößt, zahlt eine Runde. Das ist eins der unerbittlichen Gesetze der Barkenbruderschaft und hierüber zu wachen ist eine der Aufgaben des Zeremonienmeisters.

Nun, die Barkenbrüder haben sich vor dem Restaurant versammelt. Der Zeremonienmeister blickt in die Runde und: alles vorschriftsmäßig. Wir können in das Restaurant gehen und Tilo kann mit seiner würdigen Begrüßungsrede beginnen.

Am Sonntag, den 25.6. liegt der Zweier neben der Barke und beide Boote treiben gemächlich auf der Donau. Aber die Mannschaften sind nicht untätig. Sie singen aus voller Kehle: "Einst ging ich am Strande der Donau entlang, ein schlafendes Mädchen im Grase ich fand." Ist dies ein Lied aus Tilos Liederbuch? Mir kommt das merkwürdig vor. In der nächsten Strophe wird von ihrem schneeweißen Busen gesungen und dass der nur halb bedeckt war. Und dann wird besungen, dass sich ein Jüngling der Schlafenden - nun, ich will es einmal vorsichtig ausdrücken - genähert habe, sodass sie das Rauschen der Donau nicht mehr gehört habe. Ich bin entsetzt und rufe: "Barkenbrüder, haltet ein! Wenn ich den Text richtig deute, dann besingt und verherrlicht ihr eine Straftat!" Sie schrien, dass ich das deuten könnte, wie ich wollte, und sie würden jetzt weitersingen. Und sie sangen wirklich weiter. Schlimme Texte, Nichtruderer wären schamviolett geworden. Zuletzt hieß es: "Jetzt hat sie zwölf Kinder und noch keinen Mann, das dreizehnte tritt schon die Wanderschaft an." Nun kamen mir doch Zweifel, ob die arme, unschuldig schlafende junge Frau an ihrer Situation nicht doch eine gewisse Mitschuld hatte. So oft kann man doch nicht so fest am Strande der Donau schlafen. Hatte sie den Schlaf vielleicht nur vorgetäuscht? Dann wäre ja der Jüngling das arme Opfer und auf ihre List hereingefallen! Also, wer da wie viel Schuld hat, können wohl nur Juristen klären und wir haben ja einige im Club, die sich - wenn sie Langeweile haben - mit diesem Problem mal beschäftigen können.

Die Barkenbrüder hatten das Lied zu Ende gesungen und ruderten nun still vor sich hin. Immerhin waren an diesem Tag von Ingolstadt nach Kelheim 45,2 km zu bewältigen. Wir erlebten eine ruhige Landschaft und eine ruhig dahinfließende Donau.

Wenn ich bis jetzt geglaubt hatte, dass den Barkenbrüdern das Schicksal der im Lied besungenen jungen Frau gleichgültig geblieben wäre, so wurde ich plötzlich eines Besseren belehrt. Es kam ein Kloster in Sicht und beide Mannschaften traten geschlossen ins Kloster ein. Es heißt Kloster Weltenburg und liegt idyllisch direkt an einer Innenkurve der Donau. Wir legten gegen den Strom an, zogen den Zweier vorsichtig auf den Kies-Sandstrand und sicherten die Barke mit einem schweren Anker. Dann betraten wir den Klostergarten. Ein Mönch, bekleidet mit einer Kutte, begegnete uns und wir grüßten ihn ehrfürchtig. Es gab Stühle im Klostergarten und wir setzten uns. Dann wurde Bier gebracht. Und natürlich war es der Gerstensaft, der die Barkenbrüder geschlossen ins Kloster gelockt hatte. Von Reue wegen des Liedes keine Spur. Und Klosterbruder wollte auch keiner werden. Die einhellige Meinung war, dass Barkenbruder zu sein viel schöner wäre. Tilo, unser Fahrtenleiter, ist ja immer sehr für das Kirchliche und empfahl uns, die Klosterkirche zu besuchen. Ich glaube, er sieht es als gut für uns an, wenn wir nicht immer nur schlimme Lieder singen und Bier trinken, sondern auch einmal mit etwas "Sakralem" in Berührung kommen.

Nach kurzer Beratung kamen wir zu dem Schluss, dass eine kleine Rückversicherung, mit "oben" nicht schaden kann und gingen in die Kirche. Sie war schlicht. Wir sahen uns alles an und gingen wieder hinaus. Einige Barkenbrüder hatten sich schon bei den Booten versammelt. Sie konnten es gar nicht abwarten, das ungebundene Leben wieder aufzunehmen. Wir machten die Boote klar und ruderten los. Nach wenigen Schlägen erlebten wir etwas Wunderschönes, nämlich den Donaudurchbruch. Wir ließen uns treiben und genossen den Anblick von Fluss und Felsen. Da die Strömung nicht unerheblich war, mussten die Steuerleute aber trotzdem aufpassen. Als wir in Kelheim anlegten, konnten wir sagen, dass wir einen herrlichen Tag auf der Donau erlebt hatten.

Am Montag, den 26.6.00 legten wir wieder einen Ruhe- und Besichtigungstag ein.

Wir besichtigten das AUDI-Werk und Ingolstadt und die Befreiungshalle, die nach den Kriegen gegen Napoleon errichtet wurde. Und dann gönnten wir uns noch etwas ganz Schönes. Wir fuhren per Schiff noch einmal von Kelheim nach Weltenburg und zurück und konnten den Donaudurchbruch noch einmal ganz in Ruhe vom Schiff aus genießen. Dazu tranken wir auf jeder Strecke ein dunkles Bier vom Kloster Weltenburg. Kann das Leben schöner sein? Den Abend verbrachten wir im Restaurant unseres Hotels in Mariaort und ließen es uns dort schmecken.

Dienstag, den 27.6.00 ruderten die Mannschaften von Kelheim nach Donaustauf bis fast unter die "Walhalla". Ich selbst hatte an diesem Tag Service, zusammen mit Peter Colby. Das Wetter war, wie an den vorherigen Tagen auch, warm und sonnig. Peter und ich nutzten den Tag, um die Beleuchtungsleiste vom Hänger reparieren zu lassen, die am Tag zuvor beschädigt worden war. Auf der Fahrt zur Werkstatt sinnierte ich darüber nach, wie der Schaden wohl entstanden sein könnte. Genau wusste ich es nicht, weil ich nicht dabei war. Aber der Fantasie sind ja keine Grenzen gesetzt und ich stelle mir den Ablauf so vor: Unser Manni trägt auf den Barkenfahrten immer einen breitkrempigen Cowboyhut. Den hatte er auch am Tag zuvor auf, als er Service hatte und den leeren Hänger nachholte. Wie der Hänger nun den Cowboyhut sieht, fängt er an zu bocken, das tun die Pferde bei den Cowboys ja auch immer. Manni musste nun den bockenden Hänger bändigen und streifte bei dieser schweren Aufgabe irgendeine Straßenbegrenzung und schon war es um die Plexileuchte geschehen. Manni sieht die Sache natürlich anders. Er sagt, dass die Straße Schlaglöcher hatte. Ich glaube aber , dass es am Hut gelegen hat.

Wärme und Sonne auch am Mittwoch, den 28.6.00, während in Bremen geheizt wird. Wir hatten wirklich Glück mit dem Wetter. Zuerst einmal war wieder Kultur dran. Wir wurden durch die gute Stube von Regensburg geführt und besichtigten auch den Regensburger Dom. Das macht hungrig und wir gingen auf Empfehlung unseres Barkenbruders Günther Kupplich zum "kleinen Mittagessen" in die Bratwurstküche. Danach besichtigten wir die "Walhalla", in der die großen Geister Deutschlands, aber z.T. auch Europas durch die Aufstellung einer Büste geehrt wurden. Dann wurde wieder gerudert und zwar von Donaustauf bis Geislingen.

Abends trafen wir uns mit Herrn Dr. Sanders, einem Neffen unseres verstorbenen Dr. Hermann Sanders, in einem Biergarten, der Spitalgarten genannt wurde. Es wurden Haxen gegessen oder Schweinebraten und dazu gab es ein zünftiges Bier und zur besseren Verdauung einen Schnaps, der BÄRWURZ heißt und es in sich hat. Es war ein schöner, milder Abend. Essen und Getränke waren vorzüglich und die Stimmung auch. Wir waren rundum zufrieden.

Von Donnerstag, dem 29.6.00 ist nur zu vermelden, dass wir bei warmem und sonnigem Wetter von Geisling nach Bogen ruderten.

Mittags machten wir irgendwo in der Wildnis Rast und aßen unsere an Bord befindlichen Vorräte auf. Dadurch ragten die Boote natürlich viel höher aus dem Wasser heraus und wir konnten die restlichen Kilometer schnell abrudern.

Am Abend wurde es wieder "offiziell". Wir aßen und tranken bis Mitternacht. Dann hatten wir es geschafft. Unser Barkenbruder Peter Kloss hatte Geburtstag und wir gratulierten ihm ganz herzlich. Da wir wirklich nichts mehr trinken konnten, gab Peter am Freitag, den 30.6. zum Frühstück. erst einmal für jeden ein Glas Sekt aus. Nun gratulierten wir ihm natürlich noch einmal ganz herzlich und jeder Barkenbruder überreichte ihm dabei eine Miniflasche mit Alkohol. Nun kann er zu Hause jeden Tag nach dem Essen eine kleine Flasche zur Verdauung leeren. Wer geglaubt hatte, dass damit die Geburtstagsfeierlichkeiten erledigt wären, sah sich getäuscht. Peter kündigte weitere kalorienreiche Maßnahmen an und gab am Nachmittag im Deggendorfer Ruderclub Kaffee und Kuchen aus. Und wehe dem, der den Kuchen ohne Sahne verspeisen wollte. Das gab es nicht und da verstand er keinen Spaß. Am Ende der Fahrt stellten wir fest, dass fast jeder von uns durch Peters Schuld ein bis zwei Kilogramm zugenommen hatte. Aber geschmeckt hat es und Peter, wir danken dir dafür.

Nun zurück zum ernsten Teil der Fahrt. Nach dem Sektfrühstück ruderten wir - natürlich wie immer bei schönstem Wetter - ca. 30 km von Bogen nach Deggendorf. Allerdings machten wir auch öfter Pause und ließen uns gemütlich in der Strömung treiben.

Am Abend besuchten wir das Straßenfest in Straubing und da war natürlich wieder der Bär los. Einmal in Schwung, kamen wir aus dem Feiern nicht mehr heraus. Am Sonnabend, den 1.7.00 wollte Tilo an Bord der Barke eine "Riesenparty" feiern. Darum wurde der Zweier auf den Hänger geladen und alle, bis auf den Service, begaben sich an Bord der Barke. Und dann ging es los. Das Wetter war toll. Die Isar floss in die Donau und dadurch war die Strömung toll. Die Stimmung war toll. Und so toll erreichten wir Hofkirch bei Vilshofen. Wir legten mit Hilfe von Henning, der im Wasser stand und die Barke mit seinem "Astralleib" gegen Steine schützte, noch ein tolles Anlegemanöver hin und nahmen dann die Barke aus dem Wasser. Alles in allem ein toller Tag!

Einigermaßen toll ging auch die Rückfahrt am 2.7.00 nach Bremen vonstatten. Zuerst fiel die komplette Beleuchtung vom Hänger aus. Das wurde von unserem Elektronik Ing. "Hugo" Heinz Meyer behoben. Seltsamerweise funktionierte die Beleuchtung aber nur vollständig, wenn wir den Hänger an den PKW anschlossen. Sobald der Kleinbus vorgespannt wurde, arbeitete ein Teil der Beleuchtung nicht.

Der herbeigerufene ADAC löste das Rätsel. Eine Sicherung vom Zugwagen war kaputt. Die Sicherung wurde ausgetauscht und wir konnten weiterfahren. Etwas später nervte ständig die Kontrollleuchte für das Kühlwasser. Wir gaben dem Kühler bestes Mineralwasser. Das ging ein paar Mal so, dann wurde es wirklich Zeit, eine Werkstatt aufzusuchen. Der Kfz-Mechaniker sah, dass der Kühler tropfte, konnte aber die undichte Stelle beim besten Willen nicht ausmachen. Auf seinen dringenden Rat hin ließen wir den Zugwagen stehen. Gott sei Dank haben wir in unserer Organisation einen Beauftragten für "Kleinbus und Telefondienst" und das ist Manni Cordes. In relativ kurzer Zeit hatte er als Ersatz für den Bus einen Jeep und einen weiteren PKW geordert - ein Bus mit Kupplung war nicht aufzutreiben - und wir konnten weiterfahren.

Gegen 17.00 Uhr kamen wir wohlbehalten in Bremen an.

Hinter uns lag eine schöne und ereignisreiche Fahrt und wir danken den Barkenbrüdern, die diese Fahrt organisiert und durchgeführt haben. Aber wie das so ist, kaum ist eine Fahrt zu Ende, da fragen sich die Barkenbrüder: Und in welches Weinanbaugebiet fahren wir im nächsten Jahr? Ungefähr Ende des Jahres werden wir es wohl wissen. Bis dahin übt euch in Geduld.

Günter Bussenius

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