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Bremer Ruder-Club "Hansa" (1879/83) e.V. |
Angefüllt mit Vorfreude auf die diesjährige Bratkartoffelfahrt biege ich auf die Autobahn A 1 ein, als das Verkehrsstudio meldet: "Auf der Autobahn zwischen Bremer Kreuz und Abfahrt Hemelingen liegen Eisenteile auf der Fahrbahn." Schade, denke ich, es wäre schön gewesen, stressfrei und einigermaßen rechtzeitig zur Bratkartoffelfahrt zu kommen. So bauen sich erst mal Bremslichter vor mir auf. Beim näheren Hinsehen erweisen sich die Eisenteile dann doch als mickrig und nach dem üblichen Osterdeich-Stau gelange ich zum Vereinsgelände.
Ein Blick auf die von John Thoms vorgenommene Bootseinteilung verrät, dass wir gut besetzt sind: Zwei Achter, drei Vierer und ein Zweier wollen den Weg nach Hasenbüren antreten.
Wir machen die Boote klar, als in der Riemen-Achter-Crew Unmut aufkommt, denn es fehlt ein Ruderer. Das macht sich beim Riemenboot bekanntlich wegen der Asymmetrie der Kräfte nachteilig bemerkbar. Wir - die Crew von Timmy Kröger - geben also den Riemenreißern einen Mann ab, damit sie geradeaus fahren können.
Dann geht es los. Bei schönstem Spätsommerwetter und hohem, leicht ablaufendem Wasser gleiten wir an Kellog's vorbei weserabwärts. Ute lässt uns kurz auf der Höhe der Zufahrt zum Neustädter Hafen pausieren, damit alle den tollen Sonnenuntergang genießen können. Am Klärwerk überholen wir dann All to hoop und fragen uns, wieso die ausgerechnet im Klärwerksmief eine Verschnaufpause einlegen.
Mit dem letzten Tageslicht gelangen wir in den Yachthafen Hasenbüren und vertäuen die Boote.
Nachdem die Hansa-Gemeinde die Seglerkneipe besetzt hat, sind auch schon die Bratkartoffeln in Sicht. Doch was ist das? Es duftet zwar nach Bratkartoffeln mit Zwiebeln, Speck und Eiern, aber die Teller sind mit blassgrünen Flocken überzogen. Und tatsächlich: Der Wirt hat die leckeren Bratkartoffeln mit reichlich Trockenpetersilie überdeckt. Er hat wohl eine Riesenpackung dieser Kochzutat günstig erstanden und meint es jetzt gut mit uns. Nachdem die Petersilie beiseite geräumt ist, schmecken die Kartoffeln dann aber wirklich lecker.
Nach dem Essen unterhält uns ein Quetschkommodenspieler, den Friedo organisiert hat. Prima Idee! Vielen Dank dafür!
Da es draußen mittlerweile stockdunkel ist und drinnen warm und gemütlich, will keiner so recht aufbrechen, aber gegen 21.30 Uhr setzten sich wohlgenährte Hanseaten schließlich doch in Bewegung, nach dem Motto: Wenn wir noch länger hier bleiben, wird es morgen früh nur umso schlimmer.
Die Boote werden professionell mit Beleuchtung ausgerüstet und auf geht's gen Hansa. Das Wasser ist spiegelglatt und es ist kaum Wind - optimale Bedingungen, wenn da nicht die Gegenströmung wäre. An sich ist es ja bei einer Bratkartoffelfahrt ideal, wenn man mit ablaufendem Wasser "runter" und mit auflaufendem Wasser wieder "rauf" fährt. Aber das machen wir dann im nächsten Jahr.
Gestärkt durch Bratkartoffeln und Bier - die Fahrt war übrigens erstaunlich alkoholarm - nähern wir uns stadtbremischem Gebiet. Die Strömung ist zwar deutlich zu spüren, aber unter dem sternklaren Himmel rudert es sich noch mal so schön. Kurz hinter dem Lankenauer Höft ist unsere Beleuchtung beim besten Willen nicht mehr mit der Seeschifffahrtsstraßenordnung in Einklang zu bringen. Da die Laterne ganz vorn angebracht ist und ich im Dunklen keine Batterien wechseln kann, entscheiden wir uns, die Laterne ganz abzubauen und nach achtern zu Tilo durchzureichen, der die neuen Batterien einsetzen soll, wonach die Lampe wieder nach vorn gereicht und von mir montiert werden soll. Ich drehe mich also um und robbe hinternwärts von Position 2 (Pos. 1 ist verwaist wegen der Leihgabe an den Riemenachter) zum Bug. Dort gelingt es mir, den Lederriemen aufzufummeln und die Lampe unversehrt nach achtern zu reichen.
Nachdem das erledigt ist, genieße ich den Blick in den Nachthimmel und über die schwach von den Hafenbeleuchtungen illuminierte Weser. Plötzlich - mein Atem stockt - öffnen sich neben mir die Weserfluten und keine zwei Meter von mir entfernt schießt ein mächtiger im Mondlicht glänzender Leib - die Silhouette eines Seehunds, aber deutlich größer - aus dem Wasser, dreht sich wie ein springender Wal, schwingt sich kraftvoll-elegant über die Bugspitze von Timmy Kröger und gleitet wieder in die nachtschwarzen Fluten, Sekunden später ist die Weser wieder ruhig wie eh und je. Noch nicht voll erfassend, was da geschehen ist, denke ich: Dies war eine Flusskuh. eines dieser seltenen und scheuen Säugetiere, die, mit den Robben und Walrössern verwandt im Süß- und Brackwasser leben, jedoch im Gegensatz zu diesen reine Vegetarier sind. Und jetzt wird mir auch klar, was den freundlichen Gesellen bewogen hatte, so kühn über den Bug zu springen, ja, überhaupt sich Menschen anzunähern. Hatte ich doch beim Sitzen auf dem Bug gedankenverloren die Reste der Trockenpetersilie aus der Seglerkneipe aus meiner Hosentasche über Bord geschüttet und so den seltenen Flussbewohner angelockt.
Während ich noch dahinsinne, erreicht mich die mit frischen Batterien versehene Laterne und ich muss mich banalen Dingen zuwenden. Mit neuer Beleuchtung rudern wir frisch an Kellog's vorbei und erreichen trotz Gegenstrom und Dunkelheit wohlbehalten den heimischen Steg.
Natürlich, lieber geneigter Leser, habe ich mich auch gefragt, weshalb niemand sonst außer mir den Sprung der Flusskuh sah und nach dem Festmachen alle heftig bestritten, etwas davon mitbekommen zu haben. Das Ehepaar Kolb war gerade mit dem Austausch der Batterien beschäftigt, was auf einem schwankenden Ruderboot bei tiefschwarzer Nacht kein leichtes Unterfangen ist. Die Aufmerksamkeit des Restes der Besatzung war in doppelter Weise in Anspruch genommen, nämlich einmal, weil von achtern gerade Hamster aufkam und drohte, uns ins Heck zu fahren und zweitens, weil am rechten Weserufer ein beleibter Angler, ein Freund des Dosenbiers, etwas gelallt hatte, was mit gutem Willen als Bemerkung über unsere lahme Beleuchtung hätte verstanden werden können.
Malte Lehmkuhl