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"Hansa" (1879/83) e.V.

Keine Hemmungen vor Hemmoor
oder: Wafa mit Mittagsschlaf

Samstag morgen 4.15 Uhr: wolkenloser Himmel über Hemmoor. Ein melodischer Singsang der Lerche und eine musizierende Amsel (Singdrossel) im Hain nebenan sind die einzigen Laute, die zu dieser frühen Stunde vernehmbar sind. Bodennebel wabert über Felder, auf denen Zelte stehen. Im Osten macht sich die Sonne bereit aufzugehen. Ein friedliches Szenario.

Plötzlich zerstört ein elektronischer Ton (piep-piep, piep-piep ...) die Idylle. Langsam beginnen meine Gedanken sich mit der Situation zu befassen: Im Schlafsack auf der Luftmatratze eingemummelt, eben noch in einem erholsamen Tiefschlaf träumend, heißt es nun aufzustehen. Doch zu dieser Nachtzeit wälzt man sich noch etliche Male hin und her bevor es soweit ist: sich fertig zu machen für einen langen Rudertag.

Der Ostemarathon steht auf dem Programm: 86 km mit der Tide rudern, aufgeteilt in 25 km zur Oste-Mündung in die Elbe, Tidenumschwung abwarten und zurück nach Hemmoor, Mittagspause und anschließend 18 km osteaufwärts nach Hechthausen, Pause und mit der umkippenden Tide zurück nach Hemmoor. Und die Uhr läuft mit.

Diese frühe Stunde an einem Samstag Ende Juni erleben zu dürfen, verdanken wir der Tide, denn bereits um 8.00 Uhr ist Niedrigwasser an der Oste-Mündung. Nach einem kurzen Frühstück und einer noch kürzeren Kulturtaschenbenutzung sind wir dann doch etwas verspätet um 5.45 Uhr auf dem Wasser. Die ersten Kilometer sind für mich als Steuermann mit einem Blindflug kurz unterhalb der Wolkendecke zu vergleichen. Rings umzu Bodennebel und über uns blauer Himmel und Sonnenschein. Es ist ziemlich kalt. Aber das, was ich zu sehen bekomme, entschädigt für einiges. Die Sonne, die sich durch Geäst am Ufer stehender Bäume und den Nebel kämpft, reflektiert in gebündelten Strahlen, wie mit einem Trick-Objektiv aufgenommen, auf dem Wasser. Einfach grandios!

Und mit zunehmender Sicht offenbart sich auch die Schönheit der Oste. Mit Bäumen bewachsene Ufer begleiten uns alleenartig. Hier und da ein Blick auf Schilfflächen und Felder, ein Ferienhaus oder auch mal ein romantisches Örtchen mit feschen Fachwerkhäusern. Besonders hier liegen dann, wie auch sonst vereinzelt anzutreffen, schöne alte Segelschiffe oder Kutter aus Holz. Unterhalb des Sperrwerkes Neuhaus sind die letzten Kilometer zur Mündung mit einem Blick über Watt vergeichbar: Sandflächen mit dem typischen Rippenmuster von Prielen durchzogen. Den Wendepunkt markiert ein Boot der Feuerwehr, welches am Leuchtturm vor Anker liegt. Einmal umrundet und wir landen auf einer Sandbank an. Völlig entkräftete Ruderer machen beim Aussteigen auch schon mal Bekanntschaft mit dem Wasser.

Beim Zukräftekommen durch Nahrungsaufnahme begleiten uns beeindruckende Bilder von Seeschiffen, die auf der Elbe stromauf oder -ab fahren. Währenddessen kippt die Tide und erst kaum merklich, dann immer schneller, verschwindet unser Anleger unter der Flut. Für diejenigen, die barfuß das Boot verlassen haben, ist das kein Problem: Sie bekommen nasse Füße. Doch wer seine Schuhe wegen des doch recht kalten Watts anbehalten hat, muss sich sputen, um ins Boot zu kommen. Und da ist es passiert! Fuß 1 ist im Boot, Fuß 2 noch zum Stabilisieren außenbords. Die mit einer überraschenden Geschwindigkeit nahende Flut bereitet diesem Fuß samt ihn umgebenden Schuhwerk einen nassen Zustand.

Die Tide ist gekippt und wir machen uns auf den Weg zurück nach Hemmoor. Gegen 11.30 Uhr erreichen wir unseren Startpunkt und die anfangs genommene Zeit wird zwischengestoppt. Nach dem Booteversorgen versorgen wir uns mit dem, was fleißige Hände für hungrige Ruderer bereitet haben. Der danach unwillkürlich aufkommenden Müdigkeit geben viele der angesichts der abgebrochenen Nacht müden Ruderer nach. Sie machen einen Mittagsschlaf. Frisch und ausgeschlafen geht es auf die zweite Etappe; bei strahlendem Sonnenschein und angenehmen Temperaturen durchaus etwas, worüber man sich freuen kann. Aber die schon geruderten 50 km sitzen einem doch in den Knochen.

Vorbei an Feldern mit vor Äpfeln sich biegenden Bäumen erklingen in regelmäßigen Abständen Schüsse. Halali, die Jagdsaison hat begonnen. Falsch! Es sind die mit jedem Schuss Dutzende von Vögeln aus den Bäumen vertreibenden Vogelschreckapparaturen. Kurz danach herrscht in den Obstbäumen wieder reges Treiben der kurz zuvor aufgescheuchten Spatzen, Stare und anderer Obst mögender Vögel. Unter einer Brücke mit Fans des Vorjahressiegers Bremervörde, so weist sie jedenfalls ein über das Brückengeländer gespanntes Stofftuch mit daraufgemalten Lettern aus, hindurch, nähern wir uns dem wiederum durch das uns schon bekannte Feuerwehrboot markierten Wendepunkt.

Gerade angelegt und schon hält es den auf dem Bugplatz der "Hamster" Leidenden nicht mehr und er macht den schlecht bzw. gar nicht eingestellten Platz dafür verantwortlich. Zustimmende Worte der Mannschaft verstärken sein Zaudern. Es muss etwas geschehen! Auf jeder Seite eine Unterlegscheibe unter die Ausleger und das Leiden wird erträglicher

Gegen 18.30 Uhr erreichen wir wieder Hemmoor. Die nach der Mittagspause genommene Zeit wird nun endgültig gestoppt. Erschöpft, aber zufrieden mit dem an diesem Tage Geleisteten, stolpern wir unseren Zelten entgegen, begierig uns auf eine heiße Dusche freuend. Nach dem Abspülen der sich auf der Haut über den Tag gebildeten Transpirationsablagerungen erwartet uns noch ein geselliger Abend mit Wurst, Bier und Lagerfeuer.

Zwischendurch gab es eine Siegerehrung für jede an diesem Marathon teilnehmende Bootsgattung. Die Besatzung der "All to Hoop" wurde als gesteuerter Dreier mangels Konkurrenz in 10.30 h Erster. Dafür gab es aber noch nicht mal einen feucht-warmen Händedruck, da diese Bootsgattung nicht in die ausgeschriebenen Klassen der Ruder- und Paddelboote fiel. Auch die Besatzung der "Hamster" entging einer sonderlichen Ehrung durch Wanderpokal oder andere Weihen, war sie doch nur rund eine halbe Stunde schneller als die als Erster in ihrer Klasse abschneidende "ATH" (Habe ich jetzt zu deutlich gemacht, in welchem Boot ich gesessen habe?). Als schnellstes Boot dieser Veranstaltung,, in direkter Konkurrenz zur "Hamster" stehend, wurde wiederum der gesteuerte Vierer aus Bremervörde mit knapp 7 h gefeiert.

Nach einer gut durchschlafenen Nacht, wer hätte anderes erwartet, bestand am nächsten Tag die Möglichkeit, erneut 42 km zum Sperrwerk in Neuhaus zu rudern, was aber wiederum bedeutet hätte, vor dem Frühstück aufzustehen. Da der Zeitpunkt für diese Mahlzeit wieder äußerst ungünstig selbst für es nicht übertreibende Langschläfer lag, wurde eine Halbierung der sich "Trimmregatta Hemmoor" nennenden Strecke beschlossen. Durch eine erneute Verleihung von einer Medaille an jeden Überlebenden dieser Etappe wurde das Ruderische für dieses Wochenende besiegelt.

Eine rundum gelungene Aktion ging zu Ende. Die Organisation dieses Wochenendes durch die WF Hemmoor verdiente wieder viel Lob, gab es doch eine Veranstaltung mit Rund-um-Verpflegung mit auf diesen Veranstaltungen üblichen preiswerten Speisen, die zudem noch, jedenfalls was den leckeren Kuchen betraf, selbst gemacht waren. Sie hätte wahrhaft mehr Teilnehmer der stadtbremischen Vereine verdient gehabt, als da waren: Frank und Ingmar vom BRV 82, Ewald von Post, Birgitt, Jörg, Wilfried und Jens samt dem nun auf dem Neckar rudernden Matthias mit seinem Teamkollegen vom BRC Hansa. Im nächsten Jahr sind wir wieder in Hemmoor!

Jens Thilo-Pfeiffer

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