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"Hansa" (1879/83) e.V.

Einmal rund um den Bodensee

In diesem Sommer führte uns die Frauenwanderfahrt einmal ganz um den Bodensee herum. Wir hatten ein sagenhaftes Glück. Das Wetter war fantastisch und das Wasser nur zweimal etwas aufgewühlt. Wir konnten alle Etappen problemlos rudern. Wir waren 18 Frauen, zehn Vegesackerinnen (Wo ist denn der Veges - Acker ? ) und acht Hanseatinnen. Wir haben alle touristischen Ziele angesteuert und besichtigt. Wir haben viel Spaß gehabt, gesungen , gelacht und bei dem schönen Wetter ausgiebig geschwommen.

In den vergangenen Jahren haben diverse Gruppen Wanderfahrten auf dem Bodesee gemacht und darüber im Clubschlüssel berichtet, darum möchte ich mich darauf beschränken, von zwei herausragenden Erlebnissen dieser Fahrt zu erzählen.

Gisela hat gleich zu Beginn der Fahrtenplanung Karten für die "Bregenzer Festspiele" bestellt und bekommen. Auf diesen Abend haben wir uns alle sehr gefreut. Schon als wir auf Bregenz zu ruderten, haben wir nach der Seebühne Ausschau gehalten. Zuerst sahen wir ein riesiges Skelett und dann ein aufgeschlagenes Buch. Dieses Buch stellt die Bühne dar. Eingetragen in das Buch sind die Lebensdaten des Schwedenkönig Gustav III., der bei einem Maskenball 1792 ermordet wurde. Diese Geschichte verwendete Verdi für seine Oper "Ein Maskenball". Eingezeichnet in das Buch (des Lebens) sind Schrittspuren. Das Skelett, der Tod, hält das Buch aufgeschlagen. Die Menschen auf der Bühne erscheinen winzig, denn sie sind nur wenig größer als die Finger des Skeletts hoch sind. Das Spiel der Figuren auf der Bühne verliert sich ein wenig und gewinnt erst wieder, wenn das Ballett die Bühne füllt. Der Maskenball wird zum Totentanz. Symbolhaft formiert sich das schwarz gekleidete Ballett zu einem Fragezeichen und stellt den Mord aus Eifersucht in Frage. Die Atmosphäre vor der natürlichen Kulisse des Bodensees und den aufziehenden Wolken am Abendhimmel ist unbeschreiblich. Ein brillantes Hochfeuerwerk erhellt den Himmel zum Maskenfest. Man vergisst, dass 6800 Zuschauer um einen herum sitzen. Der See wird in das Spiel mit einbezogen. Der Sarg kommt schwimmend vor die Bühne. Der Sarg hat die Größe unserer Barke. Der sterbende König wird von der Skeletthand in die Barke geschoben und sie schwimmt davon.

Die beachtliche Bühnentechnik faszinierte uns. Die Wiener Symphoniker waren nicht zu sehen, aber der Dirigent war auf einem Bildschirm hinter uns zu beobachten. Der Chor aus Moskau sowie die Sänger aus der ganzen Welt waren Spitzenkräfte. Es war ein rundum gelungener Abend, ein Erlebnis, das wir sicher alle nicht vergessen werden, genau wie das Erlebnis ganz anderer Art, von dem ich nun berichten möchte.

Von Bregenz ruderten wir nach Romanshorn. Auf der Barke hatten wir einen lieben Gast. Hannelore ist auch einigen Barkenbrüdern als Stadtführerin aus Ulm bekannt, sie wollte uns gern eine Etappe begleiten. Am Vormittag ruderten wir stramm bis Horn. Das Wasser war glatt. In einem Gartenlokal ließen wir es uns gut gehen. Dann gab Hannelore für uns alle einen Milleniumssekt aus, dadurch kamen wir in Horn etwas spät weg, was wir aber nicht etwa bedauerten! Ab 16 Uhr kam auf dem Bodensee leicht Wind auf, so auch heute und wir hatten etwas zu kämpfen. Froh gelaunt, aber ein wenig müde, erreichten wir Romanshorn. Übernachten wollten wir diesmal in der Jugendherberge. Der Herbergsvater hatte uns einen ruhigen Kellerraum zugesagt, den wir ganz für uns und wo wir absolute Ruhe hätten. Nun waren wir noch nie in der Schweiz in einer Jugendherberge. Sie war kombiniert mit der Feuerwache und die Tagesräume dienten auch als Schulungsräume für Feuerwehr und Katastrophenschutz. Der ruhige Kellerraum entpuppte sich als Luftschutzkeller. Uns stand das blanke Entsetzen im Gesicht geschrieben. Der Raum war fensterlos mit niedrigen Decken, Stahltüren und doppelstöckigen Betten, die in Sechserreihen nebeneinander standen. Kaum Platz rundherum, ein Albtraum. Von Ruhe konnte auch keine Rede sein, denn ein Ventilator mit einer Absauganlage röhrte nervtötend ohne Unterbrechung. Ich versuchte die Gedanken an die kommende Nacht zu verdrängen. Wir duschten erst einmal und gingen Essen. Irgendwann war es dann aber doch so weit. Alle 18 lagen im Bett. Gisela holte eine große Flasche Obstler aus ihrem Gepäck (sie ahnte wohl, was kam), jede sollte einen großen Schluck nehmen, um die richtige Bettschwere zu bekommen. Dann wurde das Licht ausgemacht ‚Oh Gott, welch eine Dunkelheit! Eine so absolute Dunkelheit habe ich noch nie erlebt. Nein, das halte ich nicht aus!' Unheimliche Beklemmung fiel mir auf die Seele. Ich atmete tief durch und rief mich selbst zur Ordnung. Dies war kein Ernstfall, nur eine Nacht mussten wir hier aushalten. ‚Denk an die Menschen auf der ganzen Welt, für die es ernst ist, in einem Schutzraum Zuflucht zu suchen und vielleicht tagelang auszuharren.' Bilder stiegen in mir auf. Vor 54 Jahren waren wir in derselben Lage. Draußen tobte der Krieg und ich habe viele Tage und Nächte im Domshofbunker verbracht.

Ich lag und atmete tief und gleichmäßig und sagte mir, dass draußen alles ruhig und friedlich ist, eine schöne Vollmondnacht, ich habe erstaunlich gut geschlafen.

Am nächsten Morgen ruderten wir wieder im Sonnenschein auf dem Bodensee bis Konstanz. Wir merkten nicht einmal, wo wir die Grenze passierten. In Konstanz erwartete uns ein Superhotel mit einem Frühstück der Spitzenklasse. Dort blieben wir zwei Nächte. Die letzte Etappe nach Radolfzell ruderten wir ohne Gepäck. Auf dieser Strecke haben wir viel gesungen, gelacht und geschwommen. Ein schöner Urlaub ging wieder einmal zu Ende.

Anneliese Ahrens

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