|
|
Bremer Ruder-Club "Hansa" (1879/83) e.V. |
Die Rudersaison 1998 brachte uns einen Höhepunkt, den selbst die größten Optimisten unter den Ruderexperten noch vor zwei Jahren für unerreichbar gehalten haben: Nach fünfjähriger Trainingspause holte Christiane Will nicht nur zwei deutsche Meisterschaften und einen Rotsee-Sieg in Luzern, sondern setzte allem noch die Krone auf mit der ersten offiziellen Ruder-Weltmeisterschaft für Bremen in einer olympischen Disziplin.
Jeder einzelne dieser Erfolge ist geradezu traumhaft! Dahinter muss eine für die meisten von uns kaum vorstellbare Energie und Willensstärke (nomen est omen) stecken, natürlich auch Talent und Veranlagung. Jeder, der Christiane ihren Trainingskurs allein im Einer auf der Weser fahren oder ihr Krafttrainingsprogramm im Fitnessraum oder ihr Lauftraining im Bürgerpark ´runterspulen sah, konnte dies erkennen. Hinzu kommen, was wir hier in Bremen nicht sahen - die noch höheren Trainingsbelastungen an ungezählten Wochenenden in Potsdam und in mehreren Trainingslagern.
Erste Aufmerksamkeit hatte Christiane im Winter vor einem Jahr mit einer Serie von hervorragenden Ergometer-Tests erweckt. Donnerwetter, dachten wir, unsere frühere Juniorenmeisterin hat trotz langer Trainingspause ihre Konditionsgrundlagen erhalten können.
Zielstrebig begab sie sich nach einem kurzen Ausflug ins Leichtgewichtslager schon 1997 unter die Fittiche von Bundestrainerin Jutta Lau. Es folgten im letzten Jahr erste beachtliche Erfolge im Frauen-Doppelzweier und erste erfolgreiche Einsätze auch im Frauen-Doppelvierer. Letztlich hatte aber im Vorjahr die Bundestrainerin bei den WM der Routine ihrer bewährten Stars den Vorzug gegeben.
1998 kam aber - hat erkämpft - der volle Durchbruch für Christiane (trotz eines unglücklichen Verlaufs des Frühtests im Einer in Duisburg). Christianes Leistungen hatten insgesamt überzeugt. So saß sie in diesem Jahr von Anfang an auf allen Regatten im olympischen Doppelvierer, einer deutschen Domäne seit vielen Jahren. Zwei Ruderinnen wurden versuchsweise auf zwei Regatten ausgewechselt, doch Christiane hielt ihren Platz auf Nr. 3 bis zum Finale in Köln.
Und ihr Vierer hat auch in diesem Jahr überzeugt! Kein Rennen wurde verloren. In keinem Rennen, in welcher Besetzung auch immer, war der Vierer auch nur gefährdet. Den größten Vorsprung international gab es in Luzern mit etwa vier Bootslängen vor Rußland, dem später bei den WM erheblich verbesserten Boot. Herausragend auch die erfolgreichen „Ausflüge“ von Christiane Will und Kathrin Boron in den Doppelzweier bei der Kölner Internationalen Regatta und bei den deutschen Meisterschaften in Duisburg. die beiden waren in diesem Jahr im Doppelvierer und Doppelzweier nicht zu schlagen. Das festigte natürlich ganz erheblich die Chancen Christianes auf einen Stammplatz im deutschen „Paradeboot“ der Frauen.
Gelassen ließ Christiane dann auch die größte Belastung - körperlich und nervlich - mit dem Start bei den WM an sich herankommen. Es kam darauf an, jede Panne, jeden Ausfall bis zu dem Augenblick zu vermeiden, in dem der Bugball beim Finale die Ziellinie überqueren würde. Im WM-Vorlauf hatte das deutsche Boot schon bei 1000 m einen bequemen Vorsprung von zwei Längen, so dass die Mannschaft das Rennen relativ locker zu Ende bringen konnte.
Mit dem Vorlaufsieg war der Vierer bereits im Finale. Nicht zu übersehen war aber, dass die Russinnen, wie berichtet, in Luzern noch vier Längen zurück, bei ihrem Sieg im zweiten Vorlauf inzwischen fast gleich schnell waren (6:54,01/6:54,29 min bei Gegenwind). Auch die Russinnen waren auf den zweiten tausend Metern nicht voll gefordert. Offensichtlich hatte sich hier seit Luzern etwas getan, die Mannschaft war deutlich verstärkt. Oder hatte sich der deutsche Vierer im letzten Streckenteil mehr als die Russinnen geschont und war nur deshalb nicht zeitschneller?
So war es nicht überraschend, dass das russische Boot im Finale unserem Vierer vom Start ab dicht auf den Fersen blieb. Die beiden Vorlauf-Siegerboote waren noch am Morgen wegen des böigen Seitenwindes auf die etwas geschützteren Bahnen unter Land gesetzt worden. Ein nur vermeintlicher Vorteil, wenn es richtig war, wie Christiane sagte, dass der Seitenwind später nachließ und als seitlicher Mitwind nun die Mittel- und Außenbahnen bevorteilte. Andererseits war das Wasser auf den ersten beiden Bahnen unter Land vom Start bis zum Ziel fast spiegelglatt, also auch nicht zu verachten.
Bei der 1000-m-Marke hatte der deutsche Vierer „nur“ einen Vorsprung von einer knappen ¾ Bootslänge vor Rußland; bereits abgeschlagen mit zwei Längen Rückstand und mehr das übrige Feld. Nun riss Kathrin Boron ihre Mannschaft auf den dritten 500 m mit einem langen Zwischenspurt klarer nach vorn - 1½ Bootslängen Vorsprung bei 1500 m. Der Spurt hatte aber Kraft gekostet! Unsere zahlreichen Schlachtenbummler wurden schon etwas nervös, denn 250 m vor dem Ziel kamen die Russinnen wieder deutlich näher. Sie verkürzten ihren Rückstand wieder auf eine ¾ Länge. Beim Endspurt vor den (voll besetzten) Tribünen zeigte dann aber der deutsche Vierer, welche Kraftreserven er noch mobilisieren konnte, erhöhte die Schlagzahl auf 37 und siegte schließlich klar mit fast einer Länge Vorsprung. Jubel, Glück und Erschöpfung im deutschen Boot!
Der Zieleinlauf:
|
1.
GER 6:24,38
|
2.
RUS 6:26,66
|
|
3.
AUS 6:32,11
|
4.
CHN 6:35,50,
|
|
5.
POL 6:35,53,
|
6.
DEN 6:36,46.
|
Wie geht es nun weiter? Das hängt - aus Bremer Sicht - natürlich in erster Linie von Christiane ab. Das Ziel „Olympia-Medaille“ ist verlockend. Doch keine Ruderin im deutschen Doppelvierer, der als „sichere Bank des DRV“ gilt, hat in den nächsten beiden Jahren bis zu den Olympischen Spielen einen sicheren Platz. Das internationale Leistungsniveau wird kontinuierlich verbessert. Die Bundestrainerin wird deshalb ohne Rücksicht auf Sympathien nach vielen neuen Tests die jeweils Besten zusammensetzen müssen - und der Andrang auf diese Plätze ist natürlich groß! Es liegt jetzt auch an Bremen und an der Hansa, dieses Bremer Talent bis Sydney 2000 zu halten und zu fördern! Hier baut sich eine große bremische Olympiahoffnung auf!
Werner Kollmann
Die Siegerzeiten der Kölner WM waren „Klasse“
Einigen Schlachtenbummlern in Köln fiel auf, dass sie Siegerzeiten auch beim Frauen-Doppelvierer weit über den ausgedruckten Weltbestzeiten lagen. In absoluten Zahlen trifft dies zu, diese müssen aber relativiert werden.
Entscheidende Vergleichsbedingungen bei Ruderzeiten (neben der Rudererleistung) sind bekanntlich vergleichbare Windeinwirkungen, letztlich der Luftwiderstand beim fahrenden Boot unter Einschluss des Fahrwindes. Weltklasse-Achter brauchen für 2000 m bei Mitwind heute unter 5:25 Minuten, bei Gegenwind je nach Windstärke über 5:30 bis 6:10 und mehr Minuten. Bei starkem Mitwind parallel zur Regattabahn wird allerdings eine Grenze erreicht, höhere Wellen verhindern Bestzeiten.
Auch die Wassertemperaturen müssen berücksichtigt werden. (vgl. RS 9/82). Bei Wassertemperaturen wie in Köln um die 15° muss im Vergleich zu 20° mit etwa 4 sec längeren Fahrzeiten gerechnet werden.
Berücksichtigt man diese Bedingungen, waren die Siegerzeiten in Köln überragend. Am ersten Tag gab es zum Teil Behinderungen durch Wellen, z.B. besonders beim Frauen-Einer, sonst aber Windunterstützung durch parallelen, kräftigen Mitwind. Abzüglich der 4 sec für die niedrige Wassertemperatur können die Siegerzeiten im Männer-Einer (6:39,65), im Männer-Zweier o.St. (6:22,32) und im Männer-Vierer o.St. (5:48,06) als Weltbestzeiten bewertet werden.
Am zweiten Tag wehte ein gleichmäßiger Wind überwiegend rechtwinklig, z.T. auch schräg von hinten in die Regattabahn. Seitenwind erschwert die Beurteilung. Kommt er genau rechtwinklig, wirkt er in Verbindung mit dem Fahrwind in beiden Richtungen als Gegenwind, wenn auch abgeschwächt im Vergleich zu frontalem Gegenwind. Als Vergleichsmaßstab für den Frauen-Doppelvierer (überwiegend rechtwinkliger Seitenwind) können deshalb eher die Siegerzeiten der unmittelbar folgenden Rennen - Männer-Doppelvierer und Männer-Achter - mit gleichen Windbedingungen dienen. Dabei ergibt sich folgendes Bild:
|
F
4x
|
H
4x
|
H
8+
|
|
|
Weltbestzeit
(100%)
|
6:10,80
|
5:37,68
|
5:23,90
|
|
Siegerzeit
Köln
|
6:24,38
|
5:51,19
|
5:38,78
|
|
%
der WBZ
|
103,66
|
104,00
|
104,59
|
|
Differenz
Köln/WBZ (sec)
|
13,66
|
13,51
|
14,88
|
Der Frauen-Doppelvierer steht somit in Relation zu den Weltklassemannschaften der Männer in etwa gleich, eher sogar geringfügig besser da. Fazit: Eine Weltklasseleistung des Frauen-Doppelvierers!
Auszug aus der Rede unseres Leiters der Altherrenschaft John Thoms
aus Anlass des Weltmeisterschaftsempfangs von Christiane Will im Clubhaus
am 17.9.1998:
Liebe Christiane,
zu deinem großartigen Sieg beim Weltmeisterschaftsrudern in Köln am 13.09.1998 im Frauen-Doppelvierer gratuliert dir die Altherrenschaft der „HANSA“ ganz herzlich.
Wer dieses Rennen von uns gesehen hat, war begeistert. Nicht nur die Herzen ehemaliger Hansa- Rennruderinnen und -ruderer schlugen dabei höher. Der Stil eurer Mannschaft, dieses Rennen vom Start bis ins Ziel hinein in solch einer kraft- und taktvollen Form über die Strecke zu bringen, ist einmalig und hat uns sehr beeindruckt. Es war ein verdienter Sieg!
Wir freuen uns mit dir über diese glanzvolle Leistung und sind stolz auf dich. Dein kometenhafter Aufstieg in die Elite der Weltruderinnen ist vorbildlich, war aber mit vielen Opfern in zeitlicher und persönlicher Hinsicht verbunden. Dieses können wir durchaus nachempfinden und bewundern deinen Einsatz um so mehr. An dieser Stelle sagen wir dir aber auch ein besonderes Dankeschön. Dank für deinen Einsatz und deine außergewöhnliche Leistungsbereitschaft letztlich auch zum Wohle unserer „HANSA“ und des deutschen Rudersports.
Das von dir gesteckte Ziel hast du erreicht, ein Traum ist in Erfüllung gegangen. Wir wünschen dir und deinen Mannschaftskameradinnen weiterhin viel Erfolg auf der bevorstehenden Strecke nach Sydney.
Wie wir hörten, wirst du in einigen Tagen einen kurzen Erholungsurlaub verbringen. Möge unser kleines Geschenk, ein „Schlemmer-Scheck“ für ein „Candlelight-Dinner zu zweit“, die Belastungen des Rennruderinnenalltags ein wenig in den Hintergrund rücken lassen. Das wünschen dir von ganzem Herzen die Altherren.
John Thoms
[ nach oben ]