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"Hansa" (1879/83) e.V.

Die "alten" Barkenbrüder auf den Spuren der Wikinger in Schleswig-Holstein

Um die gefährliche Route um Kap Skagen zu vermeiden, fuhren die Wikinger, von der Nordsee kommend, in die Eider ein (bei St. Peter-Ording, Tönning), dann wurde zur Weiterfahrt der größte Nebenfluß der Eider, die Treene, genutzt bis Hollingstedt und Rheide. Von dort transportierte man Waren und Schiffe 14 km über Land bis nach Haithabu. Nun war man an der Schlei angelangt, die so groß wie ein Fjord ist.

Wieder auf dem Wasser, ging es von Haithabu weiter Richtung Schleswig Missunde, Lindaunis, Arnis, Kappeln und Maasholm direkt in die Ostsee.

Das Ganze kann man natürlich auch umgekehrt machen.

Diese Tour wollten die alten Barkenbrüder einmal nachempfinden und darum Eider, Treene und Schlei befahren.

Den Vorschlag hatte unser Barkenbruder Günther Kupplich schon vor zwei Jahren gemacht, aber keiner konnte sich so recht etwas darunter vorstellen, und so dauerte es eben bis 1998, bis die Barkenbrüder dieses Gebiet befuhren.

Am 19.6.98 trafen wir uns um 8.00 Uhr morgens auf dem Club-Parkplatz. Bald darauf erschien unser Barkenkapitän Gerhard Johannsen,um uns zu verabschieden, und kredenzte uns einen wunderbaren Sekt, der genau unseren Geschmack traf. Diese Verabschiedungszeremonie ist immer sehr schön und sollte unbedingt beibehalten werden.

Nun sollte es also losgehen!

Und was passierte wieder einmal? Der Stecker des neuen Hängers paßte nicht in den Stecker des neuen Mietwagens! Ich hatte das Gefühl, daß ich die Fahrt vom letzten Jahr noch einmal machen müßte! Gott sei Dank hatte Charly Borrmann einen Adapter in seinem Auto und half aus.

So ganz nebenbei eine kleine Rätselfrage an die verehrten Leserinnen und Leser: Warum hat der neue Hänger einen alten Stecker? Wer das Rätsel löst, bekommt ja vielleicht einen klitzekleinen Preis vom Vorstand, wer weiß?

Nun fuhren wir ohne Umschweife und Störungen nach Rendsburg und brachten dort die Barke zu Wasser. Wir sahen uns zu Fuß Rendsburg an und fuhren dann in unser Quartier "Gaststätte Fährhaus" nach Bargen. Der Ort liegt direkt an der Eider.

Der Abend sollte offiziell begangen werden. Das heißt: Clubanzug tragen und die bekannten "Regularien" einhalten. Verantwortlich für die Einhaltung der "Regularien" ist der Zeremonienmeister, der auf dieser Fahrt noch unterstützt wurde vom Oberzeremonienmeister Dr. Günter Preuss, der - Gott sei Dank - mal wieder mit uns fuhr.

Natürlich hofft jeder der Barkenbrüder, daß irgend jemand gegen die Regularien verstößt, weil das viel Spaß bedeutet und immerhin auch manche Runde. Und so wird schon beim "outfit" mit Argusaugen begutachtet, ob sich nicht vielleicht hoffentlich doch jemand einen Verstoß gegen die Regularien geleistet hat. Und siehe da, einen erwischten wir. Er trug braune Schuhe!

Der Zeremonienmeister brachte die Sache sofort vor, und die Barkenbrüder waren "außer sich"! Der Oberzeremonienmeister wurde gebeten, aufgrund der Schwere dieses Falles etwas zu sagen. Alles war gespannt. Der Oberzeremonienmeister stand ruckartig auf und rief: "Ich bin entrüstet! Ich bin so entrüstet, daß ich glatt zwei bis drei Glas Bier trinken müßte, um mich einigermaßen zu beruhigen!"

Das traf genau die Stimmung der Barkenbrüder. Man lachte und jubelte dem Oberzeremonienmeister zu. Er verstand in den Seelen seiner Barkenbrüder zu lesen.

Auch der "Frevler" verstand. Es gab eine Runde aus, und dieser Fall war erst einmal ausgestanden. Die Barkenbrüder atmeten auf.

Nach einiger Zeit war allen etwas zu warm geworden, und Tilo als Fahrtenleiter wurde um "Marscherleichterung" gebeten. Diese wurde gewährt, und wir zogen die Jacken aus. Und was sehen die Barkenbrüder? Der "Frevler" sitzt da im kurzen Hemd. Genauer: Er hatte ein kurzärmeliges Hemd an! Das verstieß natürlich auch gegen die Regularien und wurde entsprechend geahndet. Danach hielt er alle Regularien ein.

Andere verstießen an den nächsten Tagen zum Teil bewußt gegen die Regularien, weil sie ihren Spaß haben und mal einen ausgeben wollten. Und dafür sind die Regularien ja auch da.

Der 20.6.98 begann mit einem gemeinsamen Frühstück und einem Glas Sekt für jeden. Den Sekt hatte der Service spendiert, was die Serviceleute an den folgenden Tagen erfreulicherweise beibehielten.

Wir ruderten auf der Eider von Rendsburg nach Lexfähre und brachten durch bewußtes ungleichmäßiges Ziehen einen Steuermann fast zur Verzweiflung. Das genossen wir natürlich, obwohl es nicht nett von uns war.

Auf halber Strecke labte uns der Service (Gerd und Tilo) mit Erdbeerbowle und einem reichhaltigen kalten Buffet. So ließ es sich leben.

In Lexfähre verpaßten wir den Service bzw. der Service uns, und wir dachten schon, daß wir die nächste Etappe in einer Nachtfahrt bewältigen müßten, aber dann bekamen wir per Handy doch noch Verbindung mit dem Service, der uns dann etwas unterhalb von Lexfähre einsammelte. Es war eine sehr einsame Gegend, und ohne Handy wäre uns die Nachtfahrt wohl tatsächlich nicht erspart geblieben. Nun aber konnte man sich so recht auf sein Bett freuen. Vorher allerdings gab es in unserer Gaststätte Fährhaus noch ein zünftiges Fischessen, das uns auch noch wieder aufbaute.

Nachdem wir uns im Schankraum noch das Fußballspiel Holland - Korea angesehen hatten, gingen wir zufrieden ins Bett. Der erste Tag war schon um.

Der 21.6.98 war ein Sonntag, und ich hatte mit Dr. Günter Preuss den Servicedienst zu leisten. Es war ein wunderschöner sonniger Tag. Wir fuhren die "Burschen" in die vorher beschriebene Walachei zu den Booten zurück und machten uns dann auf den Rückweg in unsere Gastwirtschaft an der Eider. Dort ließen wir es uns wohl sein. wir aßen zu Mittag, tranken ein Bierchen, badeten in der Eider, und danach sonnten wir uns. Wir überlegten, ob wir uns der Mannschaft irgendwo am Ufer einmal zeigen sollten, aber wir verwarfen den Gedanken wieder. Wir wollten sie nicht erschrecken. Außerdem hatten wir den Service vom Sonnabend gebeten, reichlich einzukaufen, so daß die Mannschaft gut versorgt war und auch mal ohne uns auskommen konnte.

Von Lexfähre plus einige Kilometer bis Bargen waren nur 20 km zu rudern. Die Boote sollten in Bargen direkt am Steg unserer Unterkunft anlegen. Als die Mannschaften dann eintrafen, labten wir sie mit Kaffee, Kuchen und Bier, wurden aber trotzdem beschimpft, daß wir uns nicht um sie gekümmert hätten. Wir nahmen es einfach hin.

So gestärkt wollte man noch einige Kilometer weiterrudern, und wir fuhren die Busse dann zur 7 km entfernt liegenden Steinschleuse, wo wir die Mannschaften einsammelten und zur Gaststätte Fährhaus zurückbrachten.

Abends sahen wir uns das Fußballspiel USA - Iran an.

Wie gesagt, es war ein wunderschöner Tag, nur die Ruderer haben doch ein bißchen gestört.

Der 22.6.98 sah uns wieder auf der Eider auf der Strecke Steinschleuse - Friedrichstadt. Es herrschte ein starker Gegenwind, und jeder konnte an sich selber testen, wieviel Kraft und Zähigkeit er noch besaß.

Wir bezogen unsere neuen Quartiere in der "Holländischen Stube" in Friedrichstadt, aßen auch dort zu Abend und gingen relativ früh zu Bett.

Für den 23.6.98 hatten wir einen Ausflug mit dem Auto angesetzt. Das kam uns nach der harten Ruderarbeit vom Vortag ganz gelegen. Wir sahen uns das Eidersperrwerk an, das uns sehr beeindruckte, bummelten durch Tönning, tranken Kaffee und aßen Kuchen in Husum und sahen uns auch noch Schwabstedt an der Treene an, weil wir dort am nächsten Tag vorbeirudern würden und dann nicht auszusteigen brauchten. Es war ein interessanter und harmonischer Tag.

Der Abend wurde wieder "offiziell" begangen, und wir bekamen Besuch vom Barkenkapitän Gerhard Johannsen und Frau und unserem Barkenbruder Hugo Meyer und Frau. Zuerst dachten wir, daß die Anwesenheit der Damen uns bei unserer Feier bremsen würde. Aber das war nicht so. Es wurde ein sehr fröhlicher und ausgelassener Abend, und ich glaube, daß auch die Damen sich gut amüsiert haben.

Zur heiteren Stimmung trug natürlich auch bei, daß in der "Holländischen Stube" ein ausgezeichnetes Essen serviert und ein wirklich guter Rotwein ausgeschenkt wurde.

Vor dem Essen hatte der Barkenkapitän noch unsere Barkenbrüder Charly Borrmann, Henning Siemssen und Fritz Tara für ihre langjährige Mitgliedschaft in der Barkenbruderschaft geehrt, und diese ließen es sich natürlich nicht nehmen, sich dafür mit je einer Runde Wein zu bedanken.

Im Laufe des Abends wurde plötzlich der Zeremonienmeister ans Telefon gerufen. Es war Peter Colby, der aus Bremen anrief. Körperlich konnte er aus familiären Gründen nicht bei uns sein, wohl aber im Geiste. Und er bekräftigte das, indem er auch eine Runde Wein für uns ausgab. Ist es da ein Wunder, daß der Abend immer fröhlicher wurde?

Dann aber mußten unsere Besucher wieder nach Bremen fahren. Wir alle begleiteten sie zu ihren Autos und ließen danach den Abend ruhig ausklingen.

Am 24.6.98 ruderten wir auf der Treene von Friedrichstadt bis fast nach Süderhöft. Es war ein schönes und ruhiges Ruderrevier. In Süderhöft nahmen wir die Boote heraus und fuhren sie zur alten und berühmten Wikingerstadt Haithabu! Dort gibt es ein Wikingermuseum, das wir natürlich besuchten, und dort passierte es dann auch. Was? Nun, ganz offensichtlich fuhr die Seele eines rauhen Wikingerhäuptlings in einen unserer Barkenbrüder. Es war nicht der vom letzten Jahr, in den der Klabautermann gefahren war. Diesmal erwischte es einen anderen. Es ist schon erstaunlich, daß das nun wieder passierte! Natürlich muß derjenige schon von Haus aus eine etwas rauhe Schale mitbringen, sonst hätte der Wikingerhäuptling sich ihn nicht ausgesucht.

Wir merkten gleich, was los war, als wir das Wikingermuseum verließen. Unser Barkenbruder ging sehr aufrecht, hatte den Kopf erhoben und sah uns herrisch an. Er hatte sich sehr verändert, und das sollten wir noch zu spüren bekommen!

Die Boote blieben also in Haithabu, und wir selbst bezogen Quartier in Lindaunis. Dort murrte die Mannschaft unterschiedlich stark über die Quartiere und richtete sich dann in den Ferienwohnungen gemütlich ein.

Der Tag wurde mit einem Essen um 20 Uhr im "Bahnhof" beendet.

Die Schlei ist ein wunderschöner großer Fluß-Fjord. So etwas hatte ich noch nicht gesehn. Wir waren alle begeistert, als wir am 25.6.98 unsere Etappe von Haithabu nach Lindaunis in Angriff nahmen. Es hatte etwas aufgebrist, aber sonst war das Wetter schön. Kurz vor Missunde legten wir bei einer kleinen Insel um die Mittagszeit an und aßen von unseren mitgeführten Vorräten. Dann ging es weiter. Wir hatten aber gerade ein paar Schläge gemacht, da erreichten wir Missunde, und dort winkte uns der Service heran und spendierte ein schönes kühles Bier.

Es zogen dunkle Wolken auf. Wir fürchteten, daß es ein Gewitter gäbe, tranken schnell unser Bier aus und ruderten weiter.

Gegen 15 Uhr waren wir in Lindaunis, und wer wollte, konnte in seinem Zimmer ein Schläfchen halten. Das war auch ratsam, denn wir hatten uns für 21 Uhr bei Charly und Lüder angesagt, um das Fußballspiel Deutschland - Iran gemeinsam zu sehen. Wir wollten Bier trinken und ordentlich "herumbrüllen". Es ging dann aber doch einigermaßen gesittet zu.

Einige interessierten sich nicht für Fußball, und wir schlugen ihnen vor, daß sie als Ausgleich einen "lyrischen Abend" in der Küche machen sollten. Der fand dann aber nicht statt. Die Fußballmuffel gesellten sich auch zu uns und störten mit unqualifizierten und höhnischen Bemerkungen. Trotz unterschiedlicher Interessen war es aber doch ein schöner Abend, den die Barkenbrüder miteinander verbrachten.

In der Nacht vom 25.6. zum 26.6.98 hatte es stark geregnet. Nun hatte aber der "Wikingerhäuptling", der am 25.6.98 Deckoffizier gewesen war, die Bootsplane nicht mit den von Friedo gefertigten Hölzern abgestützt, und die Plane war unter den Wassermassen eingesackt, und es war auch viel Wasser ins Boot gelaufen. Darüber war Friedo erbost, fotografierte die ganze Sache und sagte dem "Häuptling", was passiert war. Der wollte natürlich nicht, daß die ganze Mannschaft die Bescherung sah und sauste los. Er schöpfte die Plane leer, breitete sie zum Trocknen auf dem Bootssteg aus und saugte mit Hilfe eines Schwamms auch das meiste Wasser aus der Barke. Er war sehr fleißig, und die Mannschaft hatte tatsächlich auch nichts gemerkt.

Nur der Zeremonienmeister sah alles! Und der schreibt ja auch den Bericht.

Der "Wikingerhäuptling" ist im Grunde ein sehr hilfsbereiter Mensch; nie würde er eine Bitte ablehnen. Praktisch ist er allemal und er versteht viel von der Seefahrt. Er sorgt sich um Schiffe und Mannschaft und er tut viel dafür. Aber eine rauhe Schale hat er nun mal.

Die Sache mit der Plane hatte seine Stimmung natürlich nicht gehoben. Grimmig stand er am 26.6.98 am Heck, als die Barke langsam in Lindaunis aus der Liegebox gezogen wurde. Als das nach seiner Meinung nicht so recht klappte, griff er natürlich selbsttätig sofort ein. Er hatte es gut gemeint.

Jetzt hatten wir die Strecke Lindaunis - Maasholm vor uns. Wir hatten bestes Wetter und leichten Schiebewind.

Arnis (Aarnase) ist der kleinste Ort Deutschlands, hat 720 Einwohner und eine kleine stimmungsvolle Schifferkirche. Die wollten wir sehen und legten darum in dieser idyllischen Stadt an. Eine Dame, die in der Kirche gerade einen Strauß Blumen zusammensteckte, sah uns prüfend an und sagte: "Sie sehen alle so braun gebrannt aus; ich nehme an, daß Sie Seeleute sind, und wenn Sie wollen, will ich Ihnen gerne etwas über die Kirche erzählen."

Daß sie uns für Seeleute hielt, erfüllte uns doch mit Stolz, und wir fügten hinzu, daß wir Ruderer wären, und das hörte sich ja noch viel mehr nach Abenteuer und Nachfahren von Wikingern an. Sie erzählte, daß Detlev von Rumohr - diesen Lümmel sollte man sich merken - im Jahre 1667 die bis dahin freien Kappeler Bürger zu Leibeigenen machen wollte. Daraufhin verließen am 11. Mai 1667 62 Familien Kappeln und schufen sich in Arnis eine neue Heimat. Das schreibt sich schnell, aber die Leute fanden in Arnis nur Wald vor und mußten erst einmal kräftig in die Hände spucken, bevor sie eine neue Heimat hatten. Was sie aus Kappeln mitnehmen konnten, nahmen sie mit. Dann zündeten sie ihre Häuser in Kappeln an und verschwanden nach Arnis. Und alles wegen dieses Detlev von Rumohr.

So viel Unrecht macht hungrig, und darum gingen wir nach der Kirchenbesichtigung zu unserer Barke, um den Fisch zu essen, den der Service frühmorgens besorgt hatte. Es gab Forelle, Aal und Schillerlocke und dazu einen Schluck Aquavit, den Hugo Meyer gestiftet hatte und der schon 13 Jahre bei ihm gelagert hatte. Der Fisch war sehr frisch und schmeckte wunderbar und der abgelagerte Aquavit auch.

Nach dem Essen steuerten wir Maasholm an, das bald erreicht war. Abends fuhren wir mit unseren Bussen nach Schleswig, aßen im Wikingerturm, sahen uns dann Schleswig an, besuchten die St. Petri Kirche und hörten eine Weile zu, wie der Chor übte und landeten dann im Biergarten Asgaard. Beim Met war der "Wikingerhäuptling" sehr guter Stimmung.

Am 27.6.98 frühmorgens sagte ein Barkenbruder zu dem "Wikingerhäuptling": "Heute weht der Wind aus Nordost." "Unsinn", sagte der Häuptling barsch, "wir haben Nordwestwind!" Und er duldete keinen Widerspruch. Als wir dann in Schleimünde ankamen, wehte der Wind aus Nordost! Aber so weit sind wir noch nicht.

Wir beginnen jetzt die Strecke Maasholm - Schleimünde abzurudern. Bevor wir losruderten, fragte der Häuptling einen Servicemann streng: "Was habt ihr eingekauft?" Der antwortete: "Butter und Wurst". "Kein Brot?" fragte der Häuptling. Antwort: "Nein, Brot haben wir nicht gekauft." Wortlos verließ der Häuptling die Barke. "Wo willst du hin?" riefen wir ihm nach. Antwort: "Brot holen!" Kurz danach fanden wir im Heck ein Paket Brot. Aber da war der Häuptling schon weg.

Bei herrlichem Wetter, mit leichtem Gegenwind von See ruderten wir nach Schleimünde und freuten uns darauf, mit der Barke ein kleines Stück auf die Ostsee hinauszurudern. Zunächst aber legten wir erst einmal im Segelhafen an, um die "Giftbude", eine Kneipe, zu besuchen. Sofort gab der Service eine Runde aus, und wir bezeugten unseren Serviceleuten unser Wohlwollen. Das wollten andere auch erringen, und es gab weitere Runden, und wir wurden alle sehr fröhlich und auch mutig und wir wollten nun ein Stück auf die Ostsee hinausrudern. Wir waren uns einig, daß diese Gelegenheit nicht so leicht wieder kommt. Die Mannschaft stand auf, um zur Barke zu gehen. Nur Charly, Peter und ich gingen noch einmal zu der Stelle, an der die Schlei in die Ostsee fließt, um den Wellengang zu überprüfen. Wir stellten einstimmig fest: "Wir können es wagen!" und gingen zur Barke zurück.

Als wir bei der Barke ankamen, wollte plötzlich keiner mehr auf die Ostsee hinausrudern. Irgend jemand muß den Leuten eine Schauergeschichte erzählt haben, und da Seeleute abergläubisch sind, hatten sie Angst bekommen und wollten nun nicht mehr raus. Also traten wir die Rückfahrt an, um die Boote bei Kappeln herauszunehmen.

Als die Barke mit der Winde auf den Hänger gezogen wurde, dirigierte ein kleiner Wikinger, der auf dem Heck stand, die Leinenhalter, damit die Barke gerade auflief. Da rief ihm der Häuptling zu: "Du hältst den Mund!" Ein anderer rief einen Befehl, und ein Dritter äffte den Häuptling nach und rief: "Du hältst den Mund!"

Da ging der Wikingerhäuptling auf den Unbotmäßigen zu und sagte zu ihm: "Mein lieber Kunibert (Name geändert, die Red.), wenn du mich noch einmal anmachst, dann dampft es!" Kunibert grinste nur und ging einfach weg. Der kleine Wikinger aber, der alles mit angehört hatte, fragte sich, was der Häuptling wohl mit "dann dampft es" gemeint haben könnte. Er wollte doch wohl nicht einen der Wikinger anzünden?

Wie auch immer, die Barke war auf dem Hänger, und wir konnten langsam an unseren offiziellen Abend denken.

Am 28.6.98 traten wir die Rückfahrt von Lindaunis nach Bremen an. Der Häuptling rief: "Sieben Mann zu mir in den Wagen!" Aber keiner wollte. Er war gar zu grimmig. Alles drängte sich in den zweiten Bus. Der war aber überfüllt, und so mußten einige doch zum Häuptling. Es war aber gar nicht so schlimm. Er war relativ milde gestimmt, und wir kamen gut in Bremen an.

Inzwischen habe ich in Bremen schon mal wieder mit dem Häuptling gerudert. Er ist wieder ganz der alte. Die Seele des grimmigen Wikingerhäuptlings ist von ihm gewichen. Er ist wieder freundlich, charmant und entgegenkommend, und kein harsches Wort kommt mehr über seine Lippen. Bremen hat eben auf Menschen eine bessere Wirkung als Haithabu.

Was werden wir wohl auf der Fahrt 1999 erleben? Ich bin jetzt schon gespannt.

Günter Bussenius

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