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Bremer Ruder-Club "Hansa" (1879/83) e.V. |
Die Jungen Barkenbrüder auf dem Rhein-Marne- und Saar-Kohlekanal
Erstaunlicherweise haben wir anläßlich der vergangenen Barkenfahrt in Irland kaum oder gar nicht über ein neues Barkenziel in 1997 gesprochen. Die gewonnenen Eindrücke und Einblicke in diesem herrlichen Land waren wohl so stark und vorherrschend, daß kein Gedanke daran verwandt wurde.
Die Abschlußbesprechung endete mit einem eindeutigen Lob an die Fahrtenleitung, und selbst die auf Kosten der Ruderkilometer lange An- und Abreisezeit fiel dabei unter den Tisch.
Anläßlich der ersten Fahrtenbesprechung für die neue Fahrt gingen die Wogen dann schon etwas höher. Otto hatte in bekannter Manier bereits einen fast ausführlichen Plan mit Circa-Kosten in der Tasche, der auf die Finnische Seenplatte ausgelegt war, mit einem festen Quartier und Tagesfahrten, die immer wieder zum Quartier zurückführten. Hier sollte nicht in der Barke (hohe Überführungskosten), sondern in geliehenen Booten mit festem Sitz gerudert werden.
"Nicht wieder so weit! Höchstens 1000 km!", meinten einige. Auch eine Weserfahrt wurde, wie in jedem Jahr, in die Waagschale geworfen, bis letztendlich Jan fragte: "Was haltet ihr vom Oberlauf der Mosel oder Saar?" Für eine solche Strecke würde er wohl die Fahrtenleitung übernehmen. Nachdem dann auch noch Jürgen spontan seine Mithilfe anbot, waren anfängliche Bedenken hinfällig. Der Vorschlag wurde angenommen, welch Wunder, wenn die Fahrtenleitung steht!
Die danach folgenden Briefe über die Terminologie waren etwas irreführend und ließen uns zweifeln. Dann gab es aber doch endgültige Klarheit, nachdem die VAs mit zwei weiteren Teilnehmern die Strecke in bezug auf Ruder- und Einsatzmöglichkeiten sowie Unterkunft abgefahren hatten und dabei auch die Kultur erkundeten.
Dies war die Vorgeschichte über die Fahrt der "Jungen Barkenbrüder", die von Straßburg nach Saarbrücken führen sollte.
Die bislang bekannte Crew bestand eigentlich aus 15 Mitfahrern. Manni C. aber mußte leider aus beruflichen und Urlaubsgründen nach Bekanntgabe des Termins gleich absagen, und auch unser Carlos sagte bald darauf in bezug auf beruflich ungeklärte Verhältnisse ab. Leider mußte dann auch noch John, einer unserer ältesten Teilnehmer (nach Fahrten gerechnet), aus gesundheitlichen Gründen die Segel streichen, was ihn aber nicht davon abgehalten hat, seinem Posten, dem Lebensmitteleinkauf, noch gerecht zu werden. Aus beruflichen Gründen, die eine Neuorientierung erfordern, war es dann unser Uwe, der leider auf seine Teilnahme verzichten mußte.
Nach abendlichem Verladen des Gepäcks und natürlich auch der heimatlichen Spirituosen, bei Dauerregen, der ein Verholden der Barke in die Bootshalle erforderlich machte, trafen sich fast alle Teilnehmer pünktlich am Freitagmorgen um 5 Uhr. Ein wichtiger Mitfahrer meinte, trotz so früher Stunde Geld fassen zu können; seine Karte machte ihm aber einen Strich durch die Rechnung, so daß er dann ohne dieses um 5.30 Uhr in die bereits wartenden Fahrzeuge, einen VW-Bus und zwei PKWs, einstieg, und ab ging die Fahrt über die Hansa- und Sauerlandlinie - Frankfurter Kreuz nach Oberkirch zu unserem ersten Quartier bei Familie Rau, wo wir ohne jeden Stau bereits um 15.35 Uhr eintrafen.
Das war ein Empfang und eine Begrüßung! Jedem wurde ein Bett zugewiesen. Zusatzbetten waren noch geordert. Der Hänger bekam seinen Platz in einer nahegelegenen Spedition. Somit war alles bestens organisiert. Die Kaffeetafel war schon gedeckt. Zusätzlich wurde ein Partyzelt aufgebaut, und nach einer gemütlichen Einstiegsrunde ging es dann am frühen Abend über eine malerische Straße zu einem früher bäuerlichen Anwesen, wo bereits für uns eine rustikale Tafel mit badischen Erzeugnissen gedeckt war. Da hier auch die verschiedensten Obstler selbst gebraut wurden, erlebten wir einen Abend, der uns als Einstieg unserer Fahrt wohl immer in Erinnerung bleiben wird.
Nach einer illustren Kaffeetafel, wie in einem First-Class-Hotel, fuhren wir nach Straßburg zur Marina. Knapp eine Stunde später war die aufgeriggerte Barke mit Hilfe eines Treckers zu Wasser gelassen und schwamm auf der Ill.
Nun wollten wir Straßburg erobern, die elsässische Hauptstadt, die mit ihrer Geschichte den kulturellen Aufstieg des Abendlandes schlechthin repräsentiert. Der Bischofssitz mit einer alten Universität entstand aus einem Fischerdorf. Nach den Gallischen Kriegen gründeten die Römer das bald von einer Lagerstadt umgebene Kastell. 495 kam diese Region zur fränkischen Krone, und nach dem Vertrag von Mersen wurde die Stadt dem ostfränkischen Reich zugesprochen. Hierauf gründete sich der in den Kriegen von 1870 von Deutschen erhobene Anspruch auf Elsaß-Lothringen.
1262 übernahmen die Bürger die Stadt. Die Jahrhunderte bis 1681, als Ludwig XIV. die Stadt annektierte, werden als das "Goldene Zeitalter" bezeichnet. Die Kultur richtete sich mehr nach Frankreich aus. Die Französische Revolution und die napoleonische Ära festigten die neue Bindung. Die Herrschaftsverhältnisse wechselten nach dem preußisch-deutschen Sieg 1870/71. Nach dem ersten Weltkrieg kam Straßburg erneut zu Frankreich. 1940 erfolgte die deutsche Besetzung und 1944 zogen wiederum französische Truppen ein. Zur Vervollkommnung soll nicht vergessen sein, daß hier die Marseillaise nicht nur komponiert, sondern auch erstmals gesungen wurde.
Eine futuristische, an die ICE-Züge erinnernde Straßenbahn brachte uns in das Stadtinnere. Wir durchstreiften die Stadt über den Gutenbergplatz und durch die Krämergasse. Straßenbezeichnungen gab es jetzt wieder in deutsch und französisch. Dann standen wir vor dem Münster, einem rötlichen Sandsteinbau auf den Grundmauern einer 1015 begonnenen frühromanischen Kirche. Die Arbeiten reichten bis in das 15. Jahrhundert hinein. 1277 wurde die Westfassade errichtet. Der 142 m hohe 1439 fertiggestellte Nordturm war der höchste Kirchturm Europas. Ein imponierendes Bauwerk, dem in der französischen Revolution 235 Statuen und unzählige Ornamente zum Opfer fielen. Die gotische Kanzel von 1485 und die Orgel von Silbermann von 1716 sind genauso sehenswert wie die interessante astronomische Uhr.
Viel könnte ich noch über die anderen historischen Gebäude berichten, aber die Zeit drängte einmal wieder. Wir durchwanderten noch das von den Ill-Armen durchzogene Gerber-Viertel "La Petite France" mit seinen Fachwerkhäusern des 17. Jahrhunderts, den malerischen Altstadtteil Straßburgs. Souvenirläden, Cafés, Weinstuben und Restaurants reihen sich aneinander, unterbrochen von kleinen Plätzen mit alten Platanen und Blumenarrangements.
Fazit: Die Stadt ist in jedem Fall einen Besuch wert. Für uns aber hieß es Abschied nehmen, denn ein von unserer Fahrtenleiterfamilie Rau anberaumtes Abendessen war in die Nähe gerückt.
Natürlich war es wieder eine fröhliche Runde. Es gab Flammkuchen, und das bis zum Abwinken, das vielleicht etwas früher endete, da ja morgen unsere erste Ruderetappe beginnen sollte.
So war das Sonntagsfrühstück nach altem Brauch bereits um 8 Uhr angesetzt. Auch sollte Günter Rau, unser altes Mitglied, heute mit von der Partie sein. Eine schnelle Fahrt zur Marina nach Straßburg, und das, wie es bei Jungen Barkenbrüdern üblich ist, bei strahlendem Sonnenschein und der uns schon bekannten Hitze. Der Service wurde gebührend verabschiedet, aber da ja der erste Teil der Etappe durch die Altstadt führte, machte sich dieser auf den Weg und konnte die Mannschaft gerade noch unter einer Schwenkbrücke erblicken, bevor sie durch eine starke Biegung, vorbei an einem mit interessierten Zuschauern gefüllten Platz, in die erste schmale Schleuse paddelte. (Ja, richtig gelesen!)
Gern hätte der Service diese interessante Stadtrudertour mitgemacht, aber erst mal mußte der Hänger geholt werden. Da aber zeigte sich, wie nützlich doch ein Handy sein kann, oder besser gefragt: Wie haben wir eigentlich die vergangenen Fahrten ohne Handy überstanden? Um 12 Uhr erreichte uns ein aufgeregter Anruf: "Wir liegen hier unter einer Brücke. Der Schleusenwärter will uns nicht durchlassen!" Für uns also nicht mehr Kaffee und Kuchen, nein, Hänger holen und Truppe suchen. Nach 1½ Stunden fanden wir die Crew im Schatten unter der Brücke beim Essen und Skatspielen, und wenn wir uns schon auf entsprechende Kommentare eingestellt hatten, waren diese harmlos gegenüber denen, die uns entgegengebracht wurden. Boote ohne Motor brauchen ein Zertifikat. Ein Motorboot wollte die Barke schleppen, dann aber ohne Mannschaft. Erst hieß es "ja", dann "nein". Auch Treideln ohne Mannschaft wurde angefragt - wieder erst "ja", dann "nein". Alles wurde versucht, aber vergeblich. Um 15 Uhr endlich kam ein Ingenieur der Wasserschutzpolizei, der Verständnis zeigte und ein Sonderzertifikat ausstellte, so daß die Barke endlich um 15.30 Uhr starten konnte.
War es nun ein Versäumnis der VAs? Aussage: "Nein!", denn nirgends war ein Hinweis angeführt. Nun, trotz aller, teilweise lautstarken Äußerungen bewahrten die VAs die absolute Ruhe. Letztendlich kam uns diese Verzögerung wie eine Schikane vor, wobei dann zutage kam, daß eine Genehmigung zehn Tage vor einer Schleusung schriftlich eingeholt werden mußte.
Bei 32 Grad Hitze ging die Crew wieder auf die Reise. Vorbei am Europaparlament, einem imposanten Glasbau, entschwand sie unseren Blicken. Das gedachte Etappenziel war nicht mehr zu schaffen, und so fuhren wir mit zwei Wagen und Hänger zum angedachten Ersatzziel Souffelweyersheim. Hier aber entschied Max, der Steuermann, noch eine Strecke anzuhängen. So ging der Service wieder on tour und fand nach längerem Suchen in dem kleinen Ort Vendenheim eine Schleuse, hinter der wir die Barke auch liegenlassen durften.
Nach insgesamt sechs Schleusen war es spät geworden, als die Mannschaft die Wagen bestieg, um wieder zu unserer Gastfamilie zu kommen, bei der ich bislang vergessen habe, auch die Tochter Birgit zu erwähnen. Hier erwartete uns schon Philippi, ein Spanier und Freund der Familie, der bereits eine Riesenpfanne Paella vorbereitete.
Ja, das war ein Abend, wie er gastfreundlicher wirklich nicht mehr sein konnte. Ehrungen wurden ausgesprochen, Reden gehalten, auch wurde der Verein, wie so oft, teilweise auseinandergenommen. In jedem Fall aber wurde es dank des vielen genossenen Rotweins ein langer, fröhlicher Abend.
Hiermit verabschiedet sich der Berichterstatter, der aus gesundheitlichen Gründen am nächsten Morgen den ICE bestieg, um nach Bremen zurückzufahren, nicht jedoch ohne der Mannschaft eine harmonische, glückliche Weiterreise zu wünschen, vor allem aber der Familie Rau zu danken, bei denen wir uns wirklich wie zu Hause gefühlt haben.
Ja, und nun berichtet er doch wieder unter Verwendung der Originalnotizen von Jan und Jürgen.
Vorab aber sollte gesagt werden, daß ganz Frankreich von einem dichten Kanalnetz durchzogen ist, das eine Verbindung zu den größeren Flüssen herstellt, so z.B. der Rhein-Rhone-Kanal (1883 eröffnet, 320 km lang, 164 Schleusen), der in Straßburg in den Rhein-Marne-Kanal (1838-53, 315 km, 156 Schleusen, ein Hebewerk) übergeht. In Gondrexange beginnt dann der Saar-Kohle-Kanal. Alle diese Kanäle dienten ehemals der wirtschaftlichen Entwicklung dieses Gebietes. Heute aber dienen sie überwiegend dem wassersportlichen Tourismus.
Heute war nun der Tag, an dem die durch die Wartezeit gestern nicht mehr geschafften Schleusen und Kilometer nachgeholt werden sollten. Ohne daß mir ein genauer Bericht vorliegt, müssen dies ca. 34 km einschließlich zehn Schleusen gewesen sein.
Der Service hatte eine längere Strecke zu bewältigen, denn ein neues Quartier war angesagt, so auf zwei Drittel der verbliebenen Strecke in Sarre Union, ca. 90 km von Straßburg entfernt. Für die Crew ein völlig neues Gefühl, denn es sollte sich hier um ein richtiges Hotel handeln. Es war eine alte Kantonalstadt, aus zwei Orten um 1794 gegründet, mit schönen Häusern aus dem 16. bis 18. Jahrhundert, die auf beiden Seiten der Saar liegt. Laut Aussage soll der Restaurationsteil, auch das Essen, hervorragend gewesen sein. Die einzelnen Zimmer dagegen waren winzig, teilweise direkt zur Durchgangsstraße hin gelegen, auf der der LKW-Verkehr als Geräuschkulisse ein Schlafen schwer machte.
Die Crew ruderte inzwischen bei 30 Grad von Schleuse zu Schleuse durch die elsässische Oberrheinebene, an Hochfelden, dem eigentlich gestrigen Etappenziel, vorbei, einer kleinen Stadt mit Hafen und Pfarrkirche aus der Karolingerzeit und mit einer bekannten Brauerei. Für diese spielte der Kanal eine wichtige Rolle, denn auf diesem wurde das Eis herangebracht.
Weiter ging es an den sehenswerten Orten Lupstein und Ingenheim an Wilwisheim mit Renaissanceschloß und Mühle vorbei nach Dettwiller, dem heutigen Ziel, wo die Schuhfabrik Sioux beheimatet ist, eine Einkaufsmöglichkeit aber leider nicht bestand.
Auf der nächsten Etappe wurde wieder der Unterschied zwischen den uns bekannten Kanälen und den hiesigen deutlich. Fast alle Kanäle liegen meistens über dem angrenzenden Land und gestatten einen guten Überblick. Das Wetter war, wie es immer war bei den Jungen Barkenbrüdern, nur noch heißer. Nur 20 km war die angepeilte Strecke, aber auch 14 Schleusen. Gerudert wurde, vorbei an der Stadt Saverne (Zabern), einer Kleinstadt römischer Gründung, die in den Bauernkriegen eine wichtige Rolle spielte, und einem Schloß der Familie Rohan, das vom Rhein-Marne-Kanal umgeben ist, nach Lutzelbourg, einem hübsch gelegenen Ort mit einer auf einem 320 m hohen Sandsteinfelsen gelegenen Burgruine aus dem 12. Jahrhundert. Fünf Täler vereinigen sich hier und machen den Ort, wo auch die Kristallschleiferei zu Hause ist, zu dem wohl schönsten Ferienort der Vogesen, der sicher auch durch das nahegelegene Hebewerk profitiert, das der Crew morgen bevorsteht.
Der nächste Tag bescherte uns wieder ein Bilderbuchwetter und war sicherlich, wie Jürgen in seinem Originalbericht schildert, ein Höhepunkt dieser Tour.
Nur vier Schleusen und das Schiffshebewerk von Arzviller lagen vor uns. Technische Daten: Bauzeit 1964-1969, macht die alte, zum Teil gefährliche Kette von 17 Schleusen auf nur vier Kilometern Strecke entbehrlich. Auf dieser Strecke lag in einem Fall zwischen zwei Schleusen nur eine Distanz von 45 m. Für die Schiffahrt bedeutete die Inbetriebnahme des Hebewerks immerhin einen Zeitgewinn von sieben bis acht Stunden. Höhenunterschied: 45 m bei einer Neigung von 41%. Dabei fahren die Schiffe durch eine Art Schleusentor in ein Förderbecken von 43 m Länge und 5,20 m Breite mit einer Wassertiefe von 3,20 m. Das Becken wiegt ca. 900 t und wird mittels Gegengewichten in etwa zehn Minuten auf- oder abbewegt.
Für dieses Erlebnis kommt auch unser Service (Klaus und Gerd) mit an Bord. Unmittelbar vor der Abfahrt kam dann vom "Schleusenmeister" die Frage nach der Vignette. Wir haben keine, aber brauchen auch keine. Unser "Passepartout" vom "Commandant de la brigade Fluviale de Strasbourg" hilft. Ein Lächeln, dann sind wir oben. Keine Fragen, keine Schwierigkeiten.
Kurze Zeit später die nächste Überraschung des Tages: der 2306 m lange Tunnel von Arzviller, zu schmal zum Rudern, nur in einer Richtung zur Zeit befahrbar, mit Ampelregelung. Unsere Hoffnung auf einen Schleppkahn erfüllte sich nicht. Paddeln würde ca. eine Stunde dauern. Der Bootsführer traut sich nicht. Max und Manni T. entschließen sich zum Treideln. Wegen der schwachen Beleuchtung ist das gar nicht so einfach. Ratten wurden keine gesehen. Wir ecken nur einmal leicht an, kommen aber ansonsten gut durch den Tunnel, in dem riesige Gebläse, die sehr laut sind, für den Abzug der Motorbootabgase sorgen.
Viel Zeit zum Aufwärmen hatten wir nicht, denn nur einen Kilometer weiter lag der 475 m lange Tunnel von Niderviller, durch den uns aber ein mutiger Bootsführer schleppte. Danach eine schnurgerade Kanalstrecke. Nach einigen Kilometern weist unsere Karte eine 500 m lange sogenannte Engstelle aus, die nur einspurig befahrbar ist. an der Einfahrt der Engstelle, die kurz hinter Schneckenbusch liegt, besagt ein Schild lediglich, daß sich in der Enge keine Fahrzeuge begegnen dürfen. Eine Vorfahrtsregelung gibt es nicht. Steuermann Otto und Berater Jürgen diskutieren die Frage, denn in großer Entfernung kommt ein Schiff entgegen. Der Berater meint, wir schaffen die Enge vor dem Schiff, zumal: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst! Der Berater aber sieht nicht, was Otto sieht, denn bei dem Schiff handelt es sich um einen Bockkahn. Die Gewässerkarte besagt, daß Berufsschiffahrt beim Schleusen Vorfahrt hat. Hier auch? Mehr als die Hälfte der Enge haben wir passiert. Der Bockkahn - deutlich zu erkennen - kommt näher, gibt Hup- und Lichtsignale, ist aber noch nicht in die Enge eingefahren. Wir sind uns sicher, daß wir es schaffen, wenn der Schiffer die Maschine etwas drosselt. Knapp 50 m vor uns steuert der Bockkahn die Enge an, ohne die Fahrt zurückzunehmen. Als wir uns daraufhin ganz dicht ans Ufer legen in der Hoffnung, der Platz würde für die Vorbeifahrt reichen, erscheint laut keifend die Frau des Schiffers am Bug und fordert uns auf, zu wenden und zurückzufahren. Der Kahn ist auf 30 m herangekommen. Hektik an Bord, laute Kommandos: wenden! Der Kahn fährt immer noch, unsere Barke quer in der Enge, Bug und Heck am Ufer festgeklemmt. Laut schreiend fordern wir den Schiffer zum Stoppen auf. Erst jetzt läßt er die Maschine rückwärts laufen, knapp zwei Meter vor der Barke steht sein Kahn. Das war knapp! Wir sind uns nicht sicher, ob es Glück oder Können des Schiffers war, der uns fotografierte, aber nichts sagte. Otto watete ans Ufer und treidelte uns 480 m zurück. Der Bockkahn passierte uns. Wir entschuldigen uns, der Schiffer und seine Frau lächeln freundlich und meinten, es sei schon in Ordnung.
Geschimpft wurde hinterher, auf den Schiffer, auf den Steuermann und natürlich auf die Fahrtenleitung. Aber wann und wo hat man auf Wanderfahrt schon so viele Erlebnisse an einem einzigen Tag!
Nach insgesamt 30 km erreichten wir, einen Tag später als geplant, Gondrexange, ein Dorf am Zusammenfluß vom Rhein-Marne-Kanal und dem Saar-Kohle-Kanal.
Am folgenden Tag begann die Fahrt recht harmonisch. Der für die letzten Streckenabschnitte zuständige Berichterstatter Jan schreibt in seinem Report:
Ingo fand die Einfahrt in den Saar-Kohle-Kanal ohne Schwierigkeiten. In zügiger Fahrt ging es bis zur ersten Schleuse in die Diane-Capelle. Einige versprochene Höhepunkte blieben allerdings aus: Die großen Seen waren vom Boot aus nicht zu erkennen, ebenso war der Blick ins weite Tal durch die hohe Uferböschung verstellt. Die strahlende Sonne am Himmel und die ursprünglichen, bis ans Wasser reichenden Laubwälder entschädigten aber.
Mit fröhlichen Sprüchen empfingen wir den Schleusenwärter. Ein freundlicher, unsicherer, nur französisch sprechender junger Mann sah sich die Barke an und rief sofort seinen Chef an. "Kein Motor, keine Schleusen", der junge Mann zuckte hilflos mit den Schultern. Ein langes Telefongespräch mit dem Chef folgte. Wieder die üblichen Belehrungen: a) Ruderboote benötigen eine wasserrechtliche Genehmigung und b) zusätzlich eine Vignette. Letztere gäbe es in Sarreguemines. Ergebnis des Telefonats: "Besorgen Sie sich erst mal eine Vignette, dann sehen wir weiter." Auf der Rückfahrt von Sarreguemines hatten wir Zeit, die uns in dem Zentralbüro der VNF überlassenen Kanalbedingungen durchzulesen. Schwarz auf weiß stand es dort: Boote, die mit menschlicher Kraft betrieben werden, sind gebührenfrei. Aber, was soll's! Der Schleusenwärter blickte erleichtert auf die Vignette, rief aber zur Vorsicht seinen Chef an. Neue Entscheidung des Chefs: "Schleusen nur zusammen mit einem Motorschiff." Bis dahin war an diesem Tag noch kein Schiff vorbeigekommen. Der junge Mann gab uns die Empfehlung, den Chef doch selbst zu sprechen. Jürgen, Manni und Jan machten sich nach Mittersheim auf.
"Napoleon der X." empfing uns auf der Treppe, zwei Stufen über uns stehend: "Sie haben da ein Problem?!" Nach kurzer Diskussion seine Entscheidung: "Morgen um 9.30 Uhr können Sie weiterfahren." Unserem zarten Hinweis auf die Gebührenfreiheit nach den Kanalbestimmungen begegnet er mit der ironischen Bemerkung, man habe die Bestimmungen im Mai 1997 geändert, wir hätten den Text von 1996. Auf die fällige Antwort, daß wir die Bestimmungen vor wenigen Stunden in dem Hauptbüro erhalten haben, verzichten wir.
Inzwischen ist es 16.15 Uhr geworden. Gerd verliert die Contenance. Von "Chaotenfahrt" ist die Rede (wer sind die Chaoten?); am liebsten würde er nach Hause fahren. Betretenes Schweigen. Die Reaktion war wohl doch etwas überzogen.
Die unverhoffte Freizeit wird mit einem Besuch in Sarrebourg (Chagall-Fenster) mit einem vorzüglichen Abendessen im "Fritz" ausgefüllt. Besondere Freude kommt auf, als Günther Rau, der zufällig in Sarrebourg zu tun hatte, plötzlich im Lokal erscheint und den Abend mit uns verbringt. Wie er uns gefunden hat, bleibt sein Geheimnis. Auf keinen Fall waren wir so laut, daß man uns schon auf dem Marktplatz hätte hören können.
Am nächsten Morgen, pünktlich um 9.30 Uhr, empfängt uns eine freundliche junge Frau. Sie wird uns von Schleuse 1 bis Schleuse 15 auf ihrem Moped begleiten und mit Muskelkraft Schleuse für Schleuse öffnen. Vor uns tuckert ein Motorboot aus Wittring. Weil es bei jeder Schleuse auf uns warten muß, kommt man sich näher. Nach den ersten Schleusen ist der Bootsführer bereit, uns aus den Schleusenkammern zu ziehen; später gelingt es Manni, die Schiffseignerin so zu umgarnen, daß man einen festen Schleppverband bildet. Mannis Einfluß bleibt nicht ohne Folgen. Angeregt plaudernd vergißt Madame in Schleuse 12, den notwendigen Abstand von der Schleusenwand einzuhalten mit der Folge, daß das Motorboot auf der einen Seite auf dem Schleusenrand liegenbleibt, während das Wasser abläuft. Es gerät in eine gefährliche Schräglage; fast ist das Heck unter Wasser gedrückt. Bis auf den Schiffsführer verfällt alles in Panik. Er bewahrt indes Ruhe, ordnet an, die Schleuse zu schließen, das Wasser wieder auflaufen zu lassen, und schon ist der Schaden behoben. Manni entschuldigt sich formvollendet bei Madame, die das Malheur auch nicht weiter tragisch nimmt.
Am frühen Abend erreichen wir Harskirchen. Wir haben die am Vortag versäumte Strecke nahezu wieder aufgeholt.
Wie kommt man eigentlich durch die nächsten automatischen Schleusen? Mit Hilfe eines Handsenders (infrarot). Wo bekommt man den? Beim Schleusenservice. Gestikulierend und mit Hilfe einiger Brocken Französisch wird ein freundlicher, nur französisch sprechender Mann um einen "Pieper" gebeten. Er schüttelt den Kopf. Nur für Boote mit einer Vignette gibt es einen Pieper. Stolz präsentieren wir ihm unsere Vignette. Er schüttelt wieder den Kopf. Ruderboote kommen nicht durch die automatischen Schleusen, sie sind zu flach gebaut. Weiteres Telefonat mit dem Chef. Eine bisher nicht bekannte Stimme erläutert uns, daß Ruderboote nur in Verbindung mit einem Motorboot durch die Schleusen fahren dürfen. Weder sportliche Aspekte noch scharfe Worte vermögen seine Entscheidung zu beeinflussen. Auf dem Rückweg zum Boot spricht uns der Schleusenmeister an, der an diesem Tag keinen Dienst hat. Er ist über die Haltung der VNF empört. Nach seiner Ansicht ist das alles reine Schikane. Das sei schon das dritte Mal in diesem Jahr, daß Ruderer benachteiligt würden, berichtet er. Er werde jetzt den ehemaligen Bürgermeister von Harskirchen anrufen. Dieser habe als ehemaliger Chef des Europarats noch großen Einfluß und bekämpfe solchen bürokratischen Unsinn, wo er nur könne.
Ein Anruf bei Monsieur Jung, und der verspricht tatsächlich, den Chef der VNF anzurufen. Glücklich über so viel Protektion kommen wir ins Hotel zurück. Tatsächlich ruft der Schleusenwärter später an und bestätigt, es sei alles geregelt. Die Stimmung am Abend ist prächtig, das Essen ist hervorragend, Günther Rau hat sich zu uns gesellt.
Der letzte Rudertag ist angebrochen. Max und Otto haben Service. Gut gelaunt begibt sich die Mannschaft zum Boot. Der Schleusenservice weiß von nichts. Aber ein Anruf beim "Chef" läßt ihn einknicken. Sein wiederholtes, mit einer kurzen Verbeugung verbundenes "Oui, Monsieur!" läßt vermuten, daß Monsieur Jung ordentlich Dampf abgelassen hat.
Eine ruderisch glänzende Etappe beginnt. Acht Ruderer - Günther Rau ist als Verstärkung im Boot - und ein Steuermann. Die Barke läuft gut ihre 10 km/h. 10.35 Uhr - Anruf von Max: In Wittring besteht die Möglichkeit, die Barke herauszunehmen, kein Problem also. Gelöste Stimmung macht sich breit. Rotwein, Baguette und Münsterkäse, eine Spende unseres neuen Mitglieds. Strahlender Sonnenschein und eine reizvolle Landschaft, die Mannschaft witzelt. 10.55 Uhr - Anruf von Max: "Der Hänger ist weg!" Ungläubiges Schweigen. Ein Scherz? Mit so etwas scherzt man nicht! Langsam löst sich die Erstarrung. Diskussionen kommen auf: "Wie konnte das passieren? Was hätte man anders machen können? Wie kommen wir nun weiter?" Hunderte von Antworten auf diese Frage werden in den nächsten Stunden diskutiert. Zwangsläufig führen ein solches Mißgeschick und alle tollkühnen Lösungsvorschläge zu einem hohen Weinverbrauch - das Bier war schon lange alle. Trotz leichter Schlagseite: Solide vertäut bleibt die Barke an der Anlegestelle in Wittring zurück und wartet nun auf das Abholen.
Auf der Rückfahrt ins Hotel irren die Blicke ziellos zwischen Garageneinfahrten und Parkplätzen hin und her; als ob der Hänger dort irgendwo abgestellt worden ist?! Das Abendessen beginnt in bekümmerter Stimmung, bis Gerd die erlösenden Worte in die Runde wirft: "Was weg ist, ist weg!" Heitere Aufbruchstimmung stellt sich ein. Das langweilige Fußballspiel Deutschland gegen Portugal dämpft die Laune wieder etwas. Viele haben das Ende nicht gesehen und sich vorzeitig ins Bett begeben.
Auf der Rückfahrt - es ging ohne Hänger wesentlich flotter - gab es nur ein Thema: Wer ist heute im Club? Was sagen sie wohl? Wir werden es überleben.
Natürlich war auch ich zum Empfang im Club, zumal ich durch Max über den Verlust des Hängers als erster Kenntnis hatte. Die Stimmung der Mannschaft war gut. Die erlösenden Worte von Gerd "Was weg ist, ist weg!" waren vorherrschend. Auch im nachhinein gab es im Club keine Debatten, geschweige denn Schuldzuweisungen.
Da die Barke noch in Wittring im Wasser lag, machten sich Klaus aus Bremen, Conni aus Frankfurt und Günther aus Oberkirch am nächsten Wochenende auf den Weg, um mit geliehenem Hänger das gute Stück wieder nach Bremen zu überführen.
Schwierigkeiten gab es auf dieser fünfzehnten Barkenfahrt genügend. Von Chaoten wurde viel - das konnte eigentlich nur die Fahrtenleitung sein - schon in Straßburg gesprochen. Die aber sah alles, Gott sei Dank, ganz gelassen. Gut, daß wenigstens die Sonne immer wieder strahlend war, denn das Gegenteil wäre sicher auch den VAs angelastet worden. Dennoch aber erscheint mir, daß die Harmonie vorherrschend war.
46 Schleusen, ein Hebewerk und zwei Tunnel. Dazu schrieb Jürgen: Wann und wo auf einer Wanderfahrt hat man schon so viele Erlebnisse! Es kann ja auch nicht immer alles glatt gehen, und entscheidend ist doch, daß alle Teilnehmer gesund und ohne Schaden wieder in Bremen gelandet sind.
So gilt mein Dank diesmal allen Barkenbrüdern für Verständnis und die vielen Hilfestellungen, die für diese Fahrt, man könnte vielleicht sagen, manchmal in Arbeit ausarteten, und schließe mit den Worten:
Auf ein neues Erlebnis in 98 in der Hoffnung, daß dann alle Jungen Barkenbrüder gesund daran teilnehmen können!
Martin Vaupel
Jürgen Keunecke
Jan Frischmuth
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