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Bremer Ruder-Club "Hansa" (1879/83) e.V. |
Teilnehmerinnen: Gisela Temme, Helga Klein, Ilse Risse, Frauke Scheller, Ursel Schüßler und Elke Siemßen vom BRC-Hansa. Inge Behrbohm, Margot Gabriel, Gisela Giese, Maren Homburg, Inge Ulbrich, Christa Zemke und Inge Zimmann vom VRV.
So sollte es sein: Planung und Fahrtenleitung Gisela Temme, Anreise per Bahn von Bremen nach Pirna, von dort Bootstransfer nach Roudnice (Tschechien), Ruderstrecke 191 km von Roudnice nach Riesa, sechs Rudertage, kein Landdienst, anschließend ein Tag Kulturprogramm in Dresden, ein Wandertag im Elbsandsteingebirge, Rückreise per Bahn von Dresden nach Bremen, Leihboote vom DRV aus Meißen, eine Barke und ein Vierer.
Und so wurde es: Pleiten-, Pech- und Pannentour 1997.
Freitag, 18. Juli
1318 Uhr geht unser Zug ab Hauptbahnhof. Vorher werden von Ute und Anneliese noch gute Sachen mitgegeben. Im Zug verteilt Christa Erste-Hilfe-Beutel, die unter allerlei Nützlichem (Bindfaden, Sicherheitsnadel, Pflaster, Bonbons etc.) auch einen Teebeutel enthalten!?! Beim Umsteigen in Hannover kommt es fast zum Verlust von Ursels alleinreisender Tasche. Aber die sprintstarke Elke weiß noch, wie die Tasche aussieht und rettet sie in letzter Minute. Es regnet fast die ganze Fahrt bis Dresden. Dort trifft Ursel, direkt aus Skandinavien kommend, ihre Tasche wieder. Wir steigen um zum letzten Teil der Reise bis Pirna zum Ruderverein. Dort richten wir uns schnell häuslich ein. Beim gemütlichen Abendessen im Bootshaus werfen wir ab und zu besorgte Blicke auf die doch recht breite und sehr stark strömende Elbe. Es regnet immer noch.
Samstag, 19. Juli
Frühstück gibt es schon um 600 Uhr. Für die Bootsleute gar kein Problem! Wegen des Ferienbeginns in Sachsen wird starker Reiseverkehr erwartet. Die Autos samt Bootstrailer treffen daher schon um 700 Uhr, von Meißen kommend, in Pirna ein. Es regnet. Acht Frauen können im Bus bzw. Pkw mitfahren, sechs nehmen den Zug nach Roudnice. Alles klappt prima bis zur Grenze in Decin. Dort will man uns nicht passieren lassen. Der Anhänger ist laut neuem Gesetz vom 1. Juli um drei Meter zu lang. Aber die VRV-Männer sind doch erst vor einer Woche hier durchgekommen!? Die Beamten sind unerbittlich. Was nun? Ist die Reise schon vorm Anfang zu Ende? Gisela T. kauft Becherovka zur Beruhigung. Also gewendet und auf zum nächsten Grenzübergang. Die Fahrer sind bei den schmalen Gebirgsstraßen ziemlich gefordert. Wir genießen die herrliche Aussicht. Inge B. sieht laufend Pfifferlinge im Wald. Am nächsten Grenzübergang kennt man das neue Gesetz zum Glück noch nicht. Der Beamte wünscht: "Gute Fahrt und viel Erfolg!" Mittags finden wir in Roudnice endlich eine Stelle zum Einsetzen der Boote. Und die sechs Zugfahrerinnen finden uns. Wir verabschieden uns von den netten Fahrern und winken fröhlich. Rumms! Der Kleinbus ist auf dem unbefestigten Uferweg über einem losen Gullydeckel eingesackt. Sieht aus, als könnte nur ein Kran helfen. Aber für 14 patente Ruderinnen ist auch so was kein unlösbares Problem. Wir schleppen Steine, Schutt, Dachpappe usw., und gegen 1700 Uhr kommt der Bus endlich frei. Es regnet immer noch. Aber nun endlich rudern. Die Besatzungen sind ausgelost. Zehn Frauen auf die Barke, vier ins Boot. Die Etappe Roudnice - Litomerice, 17 km und zwei Schleusen, ist schnell geschafft. Zum Glück ist es ja lange hell. Am Ruderverein in Litomerice wird die Barke gut vertäut, der Vierer kommt an Land. Man erwartet, daß das Wasser nachts um 1,5 m steigt. Wie es wohl morgen weitergeht? Nach einem Bummel durchs Städtchen verbringen wir eine unruhige Nacht im Bootshaus.
Sonntag, 20. Juli
Noch müde bekommen wir ein etwas karges Frühstück im Bootshaus. Das Wasser ist gestiegen und reichlich mit Krokodilen bestückt. Sollen wir es wagen? Wir beschließen, selbst zu Krokodilen werden. Die heutige Etappe: Litomerice - Usti, 23 km, eine Schleuse. Es regnet kräftig. Bis Usti geht alles ohne Probleme. Dort gibt es jedoch keine Anlegemöglichkeit beim Ruderverein. Der Anleger liegt wegen des erwarteten Hochwassers an Land. Auf dieser Uferseite befindet sich aber auch unser Quartier für heute. Egal, wir müssen erst mal ins Trockene. Gegenüber ist ein Segelverein. Es gibt nur ein einziges Lokal. Ziemlich durchnäßt fallen wir in eine schummrige, plüschige Bar ein. Der Barmann ist verunsichert, als 14 Frauen alle Barhocker mit nassem Zeug behängen, sich auf die Nieschen verteilen und nach heißer Suppe und Tee verlangen. Chinesische Gemüsesuppe ist für alle da, aber mit 14 Portionen Tee ist die Bar überfordert. Schon brauchen wir die so in Frage gestellten Teebeutel! Jetzt bestellen wir nur noch heißes Wasser. Der Barmann hat sich seinem Schicksal ergeben, ist jedoch sichtbar erleichtert, als wir wieder verschwinden.
Inzwischen hat Gisela beschlossen, heute noch eine zweite Etappe zu rudern. Usti - Decin, 27 km, eine Schleuse. Danach kommen dann keine Schleusen mehr, die uns aufhalten können. Unser Nachtquartier ist ja auch weit weg auf der anderen Seite der Elbe. Aber wir kommen nur bis zur Schleuse bei Burg Schreckenstein(!) ca. 2 km. Die Schiffahrt wurde vor zwei Stunden eingestellt. In der Schleuse liegt ein Lustdampfer, an dem wir längsseits gehen dürfen. So haben wir einen sicheren Liegeplatz, falls die Schleuse geflutet wird. Wir wuchten alles Gepäck von Bord. Ausnahmsweise dürfen wir auf der Schleusenbrücke (eine riesige Baustelle) die Elbe überqueren. Nun ist es auch nicht mehr weit bis zu unserer Pension. Glücklicherweise war die Wirtin noch nicht zu erreichen, sonst hätte Gisela ja schon abbestellt. Keiner weiß, wie lange wir den Blick auf Burg Schreckenstein genießen müssen. Traudl fährt noch mal zurück nach Litomerice, schaut nach, ob das Wasser weiter gestiegen ist und holt ihre vergessenen Sachen ab.
Unsere Wirtin Ludmilla bekocht uns abends mit Gulasch und böhmischen Knödeln. Wir schaffen auch kurz vorm Platzen noch einen Palatschinken. Wir beschließen, aus der Situation das Beste zu machen und morgen nach Prag zu fahren.
Montag, 21. Juli
Um 900 Uhr fährt unser Zug nach Prag. Es regnet heftig. Unterwegs sehen wir eine Schleuse, in die das Wasser über das elbaufwärts geschlossene Tor in die Kammer läuft.
In Prag verleben wir einen harmonischen Tag. Einige Frauen machen eine Stadtrundfahrt, einige fahren direkt auf die Burg. Auf der Karlsbrücke fassen wir mit der linken Hand an Nepomuks linkes Knie und wünschen uns was. Als wir am späten Nachmittag auf den Stufen vor dem Nationalmuseum sitzen, kommt die Sonne heraus, und man kann ahnen, warum Prag den Beinamen "Goldene Stadt" trägt. Um1900 Uhr geht unser Zug zurück, alle sind pünktlich und zufrieden zur Stelle. Und was kommt morgen?
Dienstag, 22. Juli
Die Schiffahrt ist bis auf weiteres eingestellt. Wir können bei Ludmilla bleiben. Das Wetter ist gut. Das Wasser fällt, vielleicht geht es morgen weiter. Wir fahren mit dem Bus nach Usti und wandern hinauf zur Burg Schreckenstein. Es ist sonnig und warm. Ideales Ruderwetter! Auf dem Rückweg schauen wir mal bei den Booten vorbei, alles in Ordnung. Nachmittags überraschen Traudl und Christa uns mit neuen T-Shirts: "Pleiten-, Pech- und Pannentour 1997" steht darauf. So eins will jeder von uns haben. Abends bekocht uns Ludmilla mit Schweinebraten, Kraut und böhmischen Knödeln, dazu Pilsener Urquell (Halbe-Liter-Flaschen!), wunderbar! Essen können wir sogar im Garten. Dort sitzen wir noch lange und singen frohe Lieder. Wir haben Hoffnung, daß es morgen weitergeht.
Mittwoch, 23. Juli
Frühstück 700 Uhr, um 800 Uhr stehen 13 Ruderinnen erwartungsvoll in Ruderkleidung mit Sack und Pack vor der Pension und warten auf die FL. Die Sonne scheint, Gisela kommt. Man läßt uns heute doch nicht weiter. Das Wasser muß noch ca. 80 cm fallen. Aber wir müssen zur Schleuse, der Lustdampfer fährt heute elbaufwärts. Also mit dem Bus zur Schleuse, ohne Gepäck. Unser Humor droht uns nun doch zu verlassen. Im Bus Fahrscheinkontrolle: 14 Frauen mit ungestempelten Buskarten. "Strafe 200.-Kr pro Person oder Policia!" droht der finstere Kontrolleur. Soviel tschechisches Geld haben wir nicht mehr, DM will er nicht. Wir kratzen unsere letzten Kronen zusammen, und man läßt uns an der Schleuse aussteigen. Der Bus muß den Fahrplan einhalten. Nach dem Verholen der Barke beginnt das Warten. Nach ca. zwei Stunden wird die Mauer des Schleusenausfahrtkanals sichtbar. Hurra, es geht heute doch noch weiter. Zunächst mal elbeaufwärts, wir holen unser Gepäck. Schnell alles verstaut und ein letzter Blick auf Burg Schreckenstein. Vor uns liegt die Etappe Usti - Pirna (ca. 78 km). Nachdem wir die Wildwasserfahrt aus der Schleuse gemeistert haben, schaffen wir die Strecke in sechs Stunden. Die Strömung ist enorm, wenig Schiffsverkehr, ideales Ruderwetter. An der Grenze will man nichts von uns, wir lassen uns rübertreiben. Wir genießen die Fahrt durch das wunderschöne Elbsandsteingebirge. Schwierig gestaltet sich das Anlegemanöver beim RV in Pirna. Nach einem späten Abendessen sind wir froh, daß unsere Betten noch vom Freitag fertig sind und wir nur noch hineinzufallen brauchen.
Donnerstag, 24. Juli
Heute ist unser letzter Rudertag, Pirna - Meißen, 47 km. Die letzte Etappe, Meißen - Riesa, 28 km, entfällt leider. So können die Boote aber direkt vor Ort zurückgegeben werden. Es ist sonnig und warm. Bei Schloß Pillnitz legen wir an, gönnen uns Sekt auf der Freitreppe und gedenken der Gräfin Cosel. Danach ein Spaziergang durch den schönen Park. Weiter geht es in Richtung Dresden. Wir bestaunen das Blaue Wunder und fahren vorbei an den Brühlschen Terrassen und genießen pur. Am Nachmittag erreichen wir Meißen. Die meisten Frauen raffen sich noch zu einer kurzen Besichtigung der Stadt oder der Porzellanfabrik auf. Per Zug geht es zurück nach Dresden ins Hotel Ibis in der Prager Straße, sehr zentral gelegen und gut.
Freitag, 25. Juli
Nach dem Frühstück erwartet uns bei Sonnenschein eine sehr ausführliche Stadtführung mit der netten Judith, eine Nichte von Gisela T., und zu Hause in Dresden. Unglaublich, was inzwischen wieder aufgebaut wurde und was noch alles wieder hergestellt werden soll. Am Nachmittag beginnt es wieder zu regnen. So halten wir uns lange im Albertinum auf, bestaunen die königliche Schatzkammer "Grünes Gewölbe" und finden auch das Originalgemälde von A. L. Richter (1837) "Überfahrt über die Elbe am Schreckenstein bei Aussig"! Am Abend machen wir uns landfein und erleben ein Konzert in der Semperoper.
Samstag, 26. Juli
Eigentlich war heute Wandern im Elbsandsteingebirge angesagt, aber es ist Museumswetter. Das "Deutsche Hygienemuseum" ist wirklich einen Besuch wert. Dort könnte man glatt mehrere Tage verbringen. Danach machen wir uns auf zum anderen Elbufer und bewundern in der Neustadt "den schönsten Milchladen der Welt", Pfund's Molkerei. Zum Abschiedsessen treffen wir uns im Ratskeller. Danach Besuch einer Filmvorstellung "Das alte Dresden". Und noch ein Abschied: Ilse Risse beendet mit dieser Fahrt ihre aktive Wanderruderlaufbahn. Schade Ilse, war schön mit Dir.
Sonntag, 27. Juli
Um 1045 Uhr machen sich zwölf Barkenschwestern von Dresden aus auf den Weg nach Bremen. Frauke ist schon früh abgereist nach Berlin, und Gisela T. bleibt noch in der Gegend. Die Heimreise verläuft ohne besondere Ereignisse.
Kaum zu glauben, daß wir all dies in nur gut einer Woche erlebt haben. Dir, liebe Gisela T. noch einmal vielen Dank für all Deine Mühe. Gut, daß Dich aber auch gar nichts aus der Ruhe bringen konnte. Es war eine wunderbare "Pleiten-, Pech- und Pannentour 1997".
Inge Ulbrich (VRV)
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