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"Hansa" (1879/83) e.V.

MEMEL - Wanderfahrt

17. - 15. Mai 1997

(Kurz-/Zusammenfassung der von allen Teilnehmern erstellten täglichen Berichte. Der Gesamtbericht umfaßt ca. 20 Seiten und kann bei Gisela eingesehen werden.)

Etwas unausgeschlafen, ansonsten aber in bester Laune, trafen wir (Margot Gabriel, Horst Könken, Klaus Sieg (Bimbo) und Ingo-Harald Giese vom VRV, Frauke Scheller, Fritz Tara, Gisela Temme, Margita Voswinkel, Ingo Fechtmann, Ursel Schüssler und Wolfgang Mocha von Hansa) uns morgens um 5 Uhr in der Bremer Bahnhofshalle zur Fahrt nach Hannover und von dort per Flugzeug via Kopenhagen nach Vilnius.

Mit einem kühlen Schluck Sekt, von unserer Fahrtenleiterin Gisela kredenzt, eröffneten wir unsere Pionierfahrt. Das Einchecken in Hannover war nicht so einfach bei den vielen Gepäckstücken der Ruderer. Bei Bimbo piepte es, als er durch die Sicherheitsschleuse ging: großes Taschenmesser im Handgepäck, welches in einer leuchtend orangefarbenen Tüte als "checked baggage" weiterreiste.

In Vilnius begrüßte uns ein richtiges Empfangskomitee: Sidonie (von 1882), die schon mit dem Zug eingetroffen war, Hans-Heinrich Busse und Frau Vida, Josef, Vidas und eine Fremdenführerin.

Zu unserem Standquartier nach Birstonas fuhren wir in zwei Kleinbussen über Trakai (Zwischenstop zur Besichtigung der in herrlichem Seengebiet liegenden Burg - in unmittelbarer Nähe zwei traumhafte Regattastrecken - und zum Imbiß, wo dann auch endlich Helga, aus St. Petersburg kommend, eintraf). Direkt neben dem Ruderzentrum im Gästehaus der katholischen Kirche wurden wir vom Pfarrer persönlich begrüßt, der uns allen Einzelzimmer (!) zuteilte. Sogar Dusche bzw. Wanne gab es, allerdings keine Stöpsel.

Nach vorzüglichem Abendessen, von nur einer Küchenfee gezaubert, fielen wir später todmüde ins Bett - gute Matratze, absolute Ruhe drumherum - kein Autoverkehr, kein Glockengeläut der Kirche.

1. Rudertag DRUSKININKAI - MERKINE = 28km

Nach dem Frühstück Boote verladen (drei Kunststoff-Doppelvierer mit Kohlefaserskulls, Stemmbretter mit festmontierten Schuhen) und Busfahrt nach DRUSKININKAI (nahe der Grenze zu Weißrußland) in ca. zwei Stunden durch herrliche Landschaft, Wälder, sanfte Hügel, kaum Autoverkehr auf der asphaltierten Straße; die Standspuren beiderseits der Straße sind dort die "Pferdestraße" - uns begegneten etliche Pferdegespanne mit Leiterwagen, auf denen der Mist oder die Milchkannen etc. transportiert wurden, und auf den Feldern sahen wir auch Pferde vor dem Pflug bzw. ganz kleine Felder wurden von den Bauern selbst gepflügt!

In Druskininkai besichtigten wir zunächst das Förstereimuseum. Auf dem anschließenden Weg durch den Ort zum Besuch des Ciurlionis-Museums kamen wir an der neogotischen Kirche der Hl. Jungfrau Maria vorbei, wo gerade der Pfingstgottesdienst mit Prozession um die Kirche stattfand - wir lauschten eine Weile dem andächtigen Chorgesang der festlich (teilweise in Trachten) gekleideten Gemeinde.

Druskininkai ist der Geburtsort des bedeutendsten litauischen Komponisten und Malers Mikolajus Konstantinas Ciurlionis (1875 - 1911).

Nach Besichtigung und spätem Mittagessen endlich gegen 17 Uhr Start zur ersten Ruderetappe - herrliches Wetter, ruhiges Wasser, kein Wind, keine Wellen, kein Schiffsverkehr, aber gute Strömung. Rechts und links nur Wälder, aus denen vielstimmiger Vogelgesang tönte. Die 28 km bis MERKINE schafften wir bis gegen 20 Uhr, dann noch Busfahrt, so daß wir erst um 21.45 Uhr in unserem Quartier zum Abendessen ankamen.

2.Rudertag MERKINE - NEMUNAITIS = 34 km

Wie am Vortag wurden die Bootsplätze verlost, und schon ging es durch tiefen Modder barfüßig ins Boot. Dunkelgrüne Nadelbäume, mittelgrüne Laubbäume, zarthellgrüne Blattknospen, saftiggrüne Flußränder, grauer Himmel, graues Wasser, kein Haus, kein Km-Schild, dazu das Gegrummele der Skulls und die gleichbleibende Komposition der Rollsitze.

Viele Wasservögel nisten in dieser naturbelassenen Gegend, in der nur wir Menschen als Störenfriede auftraten. Scharen von Vögeln flogen vor dem ersten Boot aufgeregt auf und ließen sich nach dem letzten wieder friedlich nieder. Auch viele Reiher und Störche (litauisch: Gandris) sind dort zu Hause. Dann erblickten wir wieder Grün, aber anderes Grün - Weiden - Kühe, Ziegen, Pferde.

Da wir beim Mittagspicknick zu sehr trödelten, kamen wir recht spät am Ziel und dann mit den Bussen fast zu spät in ALYTUS zur Besichtigung der Sektkellerei an. Im Eiltempo wurden wir durch die große Anlage geführt und konnten noch schnell zwei Sorten des lieblichen Sektes verkosten.

Anschließend ein Stück außerhalb, sozusagen am Ende der Welt, auf einem kleinen Hof 500 m neben der Memel Gelegenheit zum Saunabesuch und ... zum Ballonfahren (ca. DM 120,- pro Person für eine Stunde). Gisela, Margot und Ingo wurden nach der Fahrt getauft - mit Feuer, Erde und Wasser (= Bier) und in den "Adelsstand" erhoben: Baroneß, Gräfin, Vicomte.

Den Sauna-Besuchern (Fritz, Herku, Bimbo und Ingo F.) wurde gesagt,daß es nach Landessitte üblich sei, in Badezeug in die Sauna zu gehen! Da Vida vorher Birkenreisig geschnitten hatte und mit in die Sauna ging, wurde keine Kontrolle vorgenommen. Das "Abschreck-Wasser" mußte eigenhändig aus dem Ziehbrunnen hochgeholt werden.

Wir kamen erst um 23.00 Uhr zu unserem Quartier und standen vor verschlossener Tür, die der Pfarrer erst nach langem Klingeln öffnete. Gut, daß er nicht Deutsch spricht - er hätte uns sicher noch eine entsprechende Predigt gehalten, zumal auch die Frauen das eine und andere Gläschen Bier oder Schnaps getrunken hatten, was ihm gar nicht behagte.

3. Rudertag NEMUNAITIS - ALYTUS = 22km

Beim wieder üppigen Frühstück einigte man sich mit Hans-Heinrich, daß die eigentlich geplante Strecke von 50 km halbiert wird: nach der Mittagspause soll eine Schnapsfabrik besichtigt werden - aber nach dem Besuch einer Schnapsfabrik noch in die Boote steigen? Wenn das man gut geht! Immerhin sind es ja nicht die eigenen Boote!

Nach gemütlicher Fahrt und einigen Ruderpausen, in denen die Vögel die Mannschaft in einen ruhigen Schlaf singen, kommt am Backbordufer ALYTUS in Sicht, d.h. Vida tanzt - die deutsche und Hamburger Flagge schwenkend - über die Wiese. Anlegen, ausladen, Boote an Land ziehen und auf ein aus Steinen und Baumstämmen gebautes Lager packen, Zubehör in eine Garage, anschließend Füße waschen. Busfahrt 50 km nach STAKLISKES zur Lietuviskas Midus. Die Etikettieranlage: An zwei Tischen sitzen je sechs Personen, deren Aufgabe es ist, jede einzelne Flasche mit dem passenden Etikett zu bekleben = pro Jahr 300.000 Liter. Der Rundgang dauert nicht lange. Die Führerin erklärt etwas auf Litauisch, Vida übersetzt ins Englische und Hans-Heinrich gibt es dann in Kurzform auf Deutsch weiter. Stille Post international.

Anschließend Verkostung von sechs oder sieben Spezialitäten ( 8 - 75 Volumenprozent Alkohol). Horst, ein absoluter Bier- und Weintrinker, kostete keines der herrlichen Getränke: "Bemerkenswert waren für mich die Verhaltensweisen in der Truppe. Einige nippten, insbesondere bei den Schnäpsen mit wenig Wasserbeigabe, erst mal vorsichtig. Andere leerten die in der Regel doppelstöckig gefüllten Gläser rigoros in einem Zug, wobei hier und da auch der Alkohol in Form von Tränen wieder aus den Augen kam. Nach wiederholtem Probetrinken stiegen der Alkoholspiegel und die Stimmung vehement. Diese euphorische Gemütslage führte zu immer intensiveren Freundschaftsbekundungen in verschiedenen Ausdrucksformen untereinander und gipfelte in Gesängen in Litauisch oder Polnisch."

Sinnvollerweise unterhält die Litauische Metfabrik gleich neben dem Eingang einen Verkaufsladen - der Umsatz an diesem Tag dürfte mehr als zufriedenstellend gewesen sein.

Nach dem Abendessen leiten Wasser, Bier und die mitgebrachten schärferen Getränke in den geselligen Teil über, d.h. Fritz bittet Josephine aus der Küche in den Speiseraum, der Fahrer Joseph kommt dazu und auch der Pfarrer setzt sich mit an den Tisch. Der harte Kern der Truppe zieht sich später in den Weißen Salon zurück, aus dem bis nach Mitternacht alte Ruderlieder klingen.

4. Rudertag ALYTUS - VAITISKIS - BALBIERISKIS = ca. 40 km

Im Frauenbus schmetterten Vida und Vidas auf dem Weg nach Alytus litauische Volks- und Liebeslieder, während der Herrenbus sich ruhig verhielt. (Der Abend war wohl doch recht anstrengend gewesen.)

Nach 7 km wurde die Besatzung des ersten Bootes durch ein Fährseil, das dicht über der Wasseroberfläche hing, fast geköpft. Durch die mitdenkende Mannschaft wurde die Wirkung einer Guillotine für die Steuerfrau gerade noch verhindert. Jarras, unserer litauischer Ruderer, brüllte die Soldaten am Ufer an, die ein Floß als Fähre gebaut hatten, aber keinen weit sichtbaren Hinweis am Seil angebracht hatten. Sie stellten sofort eine Leiter unter das Tau, so daß die nachfolgenden Boote problemlos durchfahren konnten.

Mittags erwartete uns in der Nähe von Punai ein lukullisches Picknick nach litauischer Art. Anschließend versanken einige in Tiefschlaf, jedenfalls hörte man außer Vogelgezwitscher auch lautes Schnarchen.

Um 15.00 Uhr starteten wir zur zweiten Etappe, die wegen Gewitterschwüle etwas anstrengender wurde, aber wir kamen trocken an unser Ziel. Der Wolkenbruch setzte ein, als einige sich gerade in der Sauna des Ruderzentrums aufhielten.

5. (letzter) Rudertag BALBIERISKIS - BIRSTONAS = ca. 20 km

Hercu hatte am Vortag beim Einlagern der Boote einen jungen Hund begrüßt, der ihn lebensfroh umtanzte, trotz viel zu kurzer Kette und eng scheuerndem Draht um den Hals. Hercu ging zur Hundehütte, um ihn wiederzusehen - die Hütte war leer. Nur einige abgenagte Knochen lagen herum. Zehn Schritte weiter rührte eine Bäuerin, ebenso lebensfroh, eine wabbernde, fettig weiße Masse um, die in einem riesigen eisernen Topf auf offener Flamme vor sich hindünzelte. Alles sah nach Hausschlachtung aus. Beklommen verließ Hercu den leeren Ort.

Der Fluß verläßt jetzt stellenweise den Wald und führt an hügeligen Wiesen, bestellten Feldern und einzelnen Gehöften vorbei, das Landschaftsbild wechselt ständig. Vorbei an neugierig schauenden Pferden, grasenden Kühen, einsamen Störchen und dem Geschrei der Vögel des Waldes geht die Fahrt voran, bis wir mittags den Flaggenwirbel des Landdienstes erspähen. Wir werden in ein versteckt gelegenes Restaurant geführt, welches wie ein Adlernest hoch oben auf dem Steilhang gelegen ist. Nach gutem Essen wird bald zum Aufbruch geblasen, und gegen 15.00 Uhr erreichen wir unser Ziel - das Ruderzentrum BIRSTONAS. Am Anleger steht natürlich wieder Flaggen schwenkend und laut rufend Vida. Wir werden feierlich mit einem Glas Sekt begrüßt, und nachdem alle Boote nach oben auf die Wiese vor dem Ruderzentrum gebracht sind, treffen wir uns alle auf dem Anleger, der von unserem Gewicht gleich so tief nach unten geht, daß wir nasse Füße bekommen, um noch etliche Gruppenfotos zu machen.

Nach kurzen Restaurationsbemühungen der einzelnen Teilnehmer warten wieder Josef und Vydmantas auf uns, die uns nach RUMSISKES zum Ethnographischen Museum fahren. Das Freilichtmuseum liegt auf einem weitläufigen, herrlichen Areal am Kaunasser Meer inmitten von schönem Kiefern- und Birkenwald. Es zeigt Bauerndörfer aus allen Regionen des Landes. Eine junge Studentin, die sehr gut Deutsch spricht, versteht es, die Bauernkultur Litauens und die Entwicklung in den letzten 100 Jahren mit viel Wissen zu erläutern. Sie singt mit wunderschöner zarter Stimme an den passenden Stellen alte Volkslieder - neben einer Wiege stehend ein Wiegenlied, neben dem Mühlstein ein Lied, welches früher beim Mahlen des Getreides gesungen wurde.

1. ruderfreier Tag - Busfahrt nach KAUNAS:

Unsere sehr sprachgewandte, nette Stadtführerin belehrte uns als erstes, daß man hier ein Auge immer auf den Boden richten muß, um Untiefen zu meiden - fehlende Gullydeckel wären keine Seltenheit. Sie brachte uns die Sehenswürdigkeiten und die Geschichte der Stadt in launischen Anekdoten, Legenden, manchmal auch in Versen näher, zwei Stunden Stadtrundgang, dann zwei Stunden Museum. Wir besuchten das Kunstmuseum, in dem die Werke des schon bekannten Künstlers Ciurlionis im Original ausgestellt waren. Er hat versucht, in einer Verbindung von Musik und Malerei eine mehrdimensionale Kunst zu schaffen, um die Harmonie von Natur, Mensch und Kosmos darzustellen. Erst wenn man seine Bilderzyklen als Ganzes sieht und anschließend die dazugehörigen Kompositionen auf sich wirken läßt, kann man erahnen, was der Künstler gemeint hat.

Eine Attraktion war das Teufelsmuseum; der Maler und Bildhauer Zmuidzinavicius hat aufgrund einer Wette eine Sammlung von Teufelsdarstellungen angelegt.

Nach drei Stunden "Freizeit" trafen wir uns zum Abendessen, und zum Abschluß für den schönen Tag durften wir noch im Musiktheater Flotows "Martha" uns ansehen - natürlich auf litauisch aufgeführt.

Ausflug zum Kurischen Haff

Der zeitliche Ablauf dieses Tages klappte nicht ganz so, wie vorgesehen: Für die Busfahrt waren drei Stunden angesetzt, tatsächlich dauerte sie fünf Stunden, obwohl einige Punkte des Besichtigungsprogrammes schon gestrichen waren. Erster Stop in Veliuona, Durchfahrt durch Jurbarkas, wo Hans-Heinrich an zwei Schulen Deutschunterricht erteilt, Abstecher zur russischen Grenzstation Sowjetsk (früher Tilsit - Ingo Gieses Geburtsort), wo wir den schwunghaften Grenzhandel mit Wodka, Zucker und Mehl bestaunten, dann kurze Pause auf der Insel Russ und endlich Erreichen des Hafens, wo unser Barkassenkapitän schon auf dem Holzfeuer für uns eine Zandersuppe kochte. Schnell wurde noch ein paar Schritte weiter die alte Pumpenstation aus 1907 besichtigt, welche damals das überschüssige Wasser vom Delta in die Atmata pumpte, aber inzwischen durch eine moderne Anlage ersetzt worden ist. Wenn auch der einsetzende Regen die Zandersuppe geringfügig verwässerte, schmeckte sie hervorragend.

Dann konnte noch geräuchertert Barsch gegessen werden. Geräucherter Barsch auf die Pfote - da jeder weiß, daß solches auch eine fettige Angelegenheit sein kann, wird man nachvollziehen können, daß die Hände hinterher mit Hochprozentigem gereinigt werden mußten. Das Tragflächenboot, mit welchem wir wohl in zwanzig Minuten nach Nida gelangt wären, sahen wir wohl am Anleger, aber gefahren sind wir mit einem Küstenboot, welches heute zum Verlegen von Tonnen dient - damit dauerte die Überfahrt 1½ Stunden. Der Regen hatte aufgehört, es blies aber ein kräftiger Wind, so daß man an Deck nur sehr eingemummelte Gestalten eng aneinandergerückt ausmachen konnte. Vorbei an der Vogelwarte Windenburg, wo man die riesigen Netze sehen konnte, in welchen jährlich 50.000 bis 60.000 Zugvögel eingefangen, beringt und wieder freigelassen werden - gegen 16.30 Uhr erreichten wir endlich Nida und hatten 11/2 Stunden Zeit. Einige fuhren per Taxi zum höchsten Punkt der Düne (50 m - herrlicher Blick auf der einen Seite zur Ostsee und auf der anderen Seite zum Haff und Festland), andere marschierten zum Bernsteinmuseum und kauften ein. Die Überfahrt zurück über das Kurische Meer bei Windstärke 5 - 6 war schaukelig, und die Busrückfahrt verlief - sieht man einmal ab von Fritzens Fürsorge für uns alle (= 17 Kräuter und viel mehr Prozent) recht ruhig. Sidonie beflügelte der hochgeistige Konsum zu dichterischen Ergüssen:

Die Getränke sind frei,
wir woll'n einen heben.
Wer immer es sei,
der Spender soll leben!
Man soll nie vergessen,
zwei Bier sind ein Essen.
Drum denke dabei:
die Getränke sind frei!
(Melodie: Die Gedanken sind frei)

Endlich, um 0.30 Uhr, erreichten wir unser Quartier. Man hatte der Köchin Bescheid gegeben, wegen der späten Ankunft nur ein paar Schnittchen für uns hinzustellen. Umso größer war unser Erstaunen, als sie uns die Tür öffnete und sagte, daß das warme Abendessen fertig sei! Obwohl wir ja alle sehr müde waren, setzten wir uns brav an den Tisch und bekamen köstliche Hähnchenschenkel mit Reis serviert, und da dies ja unser letzter Abend war, wollten wir eigentlich noch ein bißchen feiern. Gisela hielt also nach dem Essen ihre Dankesrede und überreichte unseren Gastgebern die Geschenke. Wir bekamen alle von Vidamantas noch eine Medaille und Litauenkarte überreicht - die Schnapsflasche machte ihre Runde.... die ersten zogen sich um halb drei zum Schlafen zurück.

Rückreisetag

Wir wollten noch einen kleinen Stadtbummel durch Vilnius machen, bevor wir den Heimflug antraten - aber vorher mußten wir noch austreten, man weiß ja nie, wann sich die Gelegenheit noch einmal bietet, und der Morgenkaffee drängte. Die Lebensart und Kultur eines Landes läßt sich auch in der Toilettenszene entdecken - speziell auf dem Damenklo im Hauptbahnhof von Vilnius: Zuerst kommt man in einen großen Vorraum, links Waschbecken und Spiegel, rechts sitzt, wie in einem Kinokassenhäuschen, eine reell rundliche Klofrau und kassiert die Gebühr: 1 Litas = 0,50DM. Vor dem Häuschen hängt eine Rolle Klopapier, quietschblau, Marke Sandpapier. Davon darf man dann höchstens zwei Blättchen abreißen (mehr nicht, Frauke!) und betritt dann einen zweiten Raum. In der Mitte eine halbhohe gekachelte Wand, links fünf oder sechs Kabinen mit wandhoch gekachelten Zwischenräumen und Plastik-Duschvorhängen. Optisch gesehen schienen es Duschkabinen zu sein, der Müffeltest fiel allerdings anders aus. Ein Blick in die Zellen: Klo mit Loch! An der Wand davor Haken für Handtasche etc. Vorhang zu, dann aufs Loch, Papier in den nebenstehenden Eimer, ziehen und dann schnell zur Seite, denn es ergießt sich ein wahrer Wasserfall von oben. Unser Gelächter kann man sich wohl vorstellen.

Erleichtert traten wir den Stadtbummel durch Litauens Hauptstadt Vilnius an: ca. 600.000 Einwohner, sehr schöne, alte Gebäude, viele Kirchen, meistens restauriert oder wieder aufgebaut, eine alte, ehrwürdige Universität. Es war Kommunionssonntag, und alle Kirchen waren voller Menschen; die kleinen Mädchen in ihren langen, weißen Kleider und die Jungen frischgewaschen und herausgeputzt posierten neben der Familie fürs Fotoalbum.

Ein schneller Gang über den Markt: Es gibt alles, was man braucht, von der Strumpfhose über CD bis zum Hühnerschenkel, große Marktstände oder nur ein Stück Zeitung mit einem Häufchen Sauerampferblätter. Eine Frau bot eine dicke Scheibe Speck an, eine andere hatte zwei Plastikflaschen mit Milch (wohl von der eigenen Kuh) vor sich stehen. Eine Käuferin interessierte sich für die Milch, bekam einen Probeschluck in den Flaschenverschluß eingeschenkt, die Milch schien zu schmecken, die Frauen einigten sich über den Preis, und die Flasche wechselte ihre Besitzerin. Plastikflaschenrecycling auf litauische Art. Der Handel blüht, der Umsatz weniger, die Litauer spüren die Veränderungen ihres Wirtschaftssystems sehr stark. Viele Menschen haben zwei Jobs.

Am Flughafen große Verabschiedung von Hans-Heinrich und Vida. Wir hatten alle das Gefühl, gute Freunde gewonnen zu haben, und mancher von uns hat seine Liebe zu Litauen entdeckt und kommt sicher noch einmal wieder. Vielleicht mit der Barke? Die Memel ist so schön, und wir haben noch nicht alles kennengelernt.

Rückreise ohne Probleme. Eine wunderschöne Fahrt voller neuer Eindrücke, harmonisch und heiter, sportlich und kulturell, mit Sonne und Regen, mit gutem Essen und Trinken und neuen Freundschaften war zu Ende.

Dir, liebe Gisela, ganz herzlichen Dank für die gute Idee, die Organisation und Durchführung dieser Reise.

Ein dreifaches HIPPHIPPHURRA

Deine Litauenfahrer (mit und ohne Adel)

Margita Voßwinkel

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