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Bremer Ruder-Club "Hansa" (1879/83) e.V. |
Eine Fahrt ins Havelland ist nicht so einfach. Viel Geschichte!!! Und dann kommt das Halbwissen hoch und möchte vervollständigt werden. Beunruhigend!! Das war wohl auch der Grund, warum der Barkenkapitän uns in diese Gegend "entsandte".
Am 20.6.97 sollte es um 8.00 Uhr losgehen. Der Barkenkapitän war pünktlich zur Stelle, ließ wie üblich die Sektkorken knallen, und da passierte die erste Panne. Der Sekt war zu süß! Kein gutes Omen!
Nun sollte der Hänger an den Zugwagen angekoppelt werden, und siehe da, die Stecker paßten nicht zusammen! Die "Experten" sausten los, um einen Adapter zu kaufen, und zum Erstaunen der übrigen Barkenbrüder paßte der dann sogar. Unser Respekt vor dem Expertentum wuchs.
Dem Barkenkapitän dauerte dieses ganze Gefummel zu lange. Er verabschiedete sich und entschwand mit allen guten Wünschen für unser weiteres Wohlergehen.
Nun fuhren wir mit elf Mann ohne weitere Vorkommnisse zu einer Werft in Spandau und ließen dort die Barke mit vereinten Kräften zu Wasser. Das ist ja immer eine aufregende Sache, denn jeder möchte nach Kräften mittun, kann aber nicht immer so, wie er möchte, weil die "Experten" plötzlich bestimmen, was einige zu tun und auch zu lassen haben. Die Barke kommt aber trotzdem immer zu Wasser und so auch diesmal.
Wir fuhren nun zu unserem Quartier in der Filmstadt Babelsberg (Potsdam), reinigten uns und gingen leger gekleidet in den Ratskeller von Babelsberg, um uns zu stärken. Man sah uns und führte uns sofort von allen übrigen Gästen weg ins seitlich gelegene Jagdzimmer. Diese Vorsicht war unnötig und beleidigend, aber das Zimmer war schön.
Nun wollten wir am 21.6.97 ja eigentlich von Hennigsdorf nach Spandau rudern. Das muß aber jemand, trotz größter Geheimhaltung, erfahren haben. Flugs sperrte man die Schleuse und erklärte sie für reparaturbedürftig. Dagegen war nichts zu machen, und so traten wir am 21.6. denn die Etappe Spandau - Babelsberg an.
An diesem Tag hatten Hugo und ich Service. Mit Friedos Hilfe besuchten wir alle zuerst den Grunewaldturm und genossen die Aussicht über die weiten Wiesen, Seen und Wälder. Dann fuhren wir die Mannschaft zum Spandauer Werftgelände. Die Barke war noch da. Darüber freute sich die Mannschaft derart, daß sie dem Service vorschlug, die Wagen wieder nach Babelsberg zu bringen und mit der Taxe zur Barke zurückzukommen, damit wir die erste Etappe gemeinsam genießen könnten. Über diese barkenbrüderliche Zuwendung waren wir so überrascht, daß wir uns vornahmen, zukünftig nur noch Gutes über unsere Barkenbrüder zu reden. Obwohl es schwerfällt!
Freudig fuhren wir die Wagen also zurück nach Babelsberg, und Hugo, Friedo und ich bestiegen dort die bestellte Taxe, um zum Werftgelände zurückzufahren. Dem Taxifahrer sagte Friedo aber nicht, wie er fahren mußte, und so verfuhr er sich, mußte die Uhr abstellen, und wir kamen relativ spät (11.30 Uhr) bei der Barke an. Als wir ausstiegen, fragte Friedo den Taxifahrer noch besorgt, ob er auch wieder zurückfände. Wir fanden das lustig. So können Barkenbrüder nun auch wieder sein.
Auf gings mit der Barke Richtung Babelsberg. Die Mannschaft mußte schwer gegen Wind und Wellen kämpfen, und Hugo und ich konnten das als "Beisitzer", zusammen mit Steuermann Gert Hilgendorf, so richtig "genießen".
Zur Belohnung für ihre Mühen führten wir die Mannschaft am Abend, Beginn 20.00 Uhr, ins "Theater Am Kurfürstendamm". Titel des Stücks: "Guten Tag, Herr Liebhaber". Der Mann hieß so. War ganz spaßig. An dieser Stelle ein Dank an Friedo für die Beschaffung der Karten.
Einige Kameraden, die das Militärische lieben, hätten lieber den Friedrichstadtpalast besucht, weil dort die Girls die Beine so exakt schwingen, daß ein General neidisch werden kann. (Donnerwetter, tadellos!)
Natürlich hatten wir das Theater im Clubanzug besucht und gingen dann nach der Vorstellung - ja, wie soll ich das jetzt sagen? Also, eigentlich hatten wir ein nettes Restaurant gesucht, und man erwartet von den alten Barkenbrüdern ja auch einen gewissen Rahmen. Und, o Gott, wie konnte es nur so weit kommen? Und warum muß gerade ich das berichten? Also, die alten Barkenbrüder gingen im Clubanzug zu McDonalds und hauten sich die Bäuche mit Big Macs voll. Mich schaudert jetzt noch, und ich bitte die zu Hause gebliebenen alten Barkenbrüder um Entschuldigung für diese Entgleisung.
Nun bekamen die Herren Durst und wollten in ein Lokal einkehren, das in einer Seitenstraße vom Ku'damm lag. Der Wirt war darüber aber nicht erbaut (es lag wahrscheinlich am Geruch) und verwies uns ins Nachbarlokal. Der hatte aber auch genug Gäste und empfahl uns ein drittes Lokal, und da bekamen wir Platz. Einer unserer durstigen Herren war über diese Prozedur schon leicht gereizt und legte sich etwas mit der Wirtin an. Die gab ihm aber mit ihrer Berliner Schnauze so kontra, daß der Mannschaft diese Vorstellung schon wieder gefiel. Hier fühlten wir uns wohl und tranken einige Schlummerbiere. Um 1.00 Uhr lagen wir dann in unseren Pensionsbetten.
Am 22.6. klingelte der Wecker um 6.45 Uhr. Wie erbarmungslos kann doch das Leben sein! Die Etappe Babelsberg - Alt Töplitz war dran. Frühstück wie üblich Punkt 8.00 Uhr im roten "Frühstückspullover" oder im T-Shirt "Die Barke Gustav". Meldung beim Barkenkapitän i.V.: "Mannschaft vollständig zum Frühstück angetreten!" Antwort: "Danke, rühren, Frühstück freigegeben." Das habe ich natürlich übertrieben, aber gefrühstückt haben wir.
Danach erfolgte eine Wanderung zur abgedeckten Barke. Die Plane war voll Wasser. Nun mußten zwei gelenkige Leute an Bord, das Wasser aus der Plane abschöpfen und die Plane zusammenlegen. Die steifen und schweren Böcke blieben an Land und gaben so lange kluge Kommentare ab, bis einer der gelenkigen sagte: "Haltet eure Schnauzen!" Die Sprache verstand man und verhielt sich fortan ruhig.
Nun ging es also los. Tilo hatte uns beim Frühstück so merkwürdig gemustert, und als wir ein Stück vom Ufer weg waren, erfuhren wir auch, warum. Wir wären alle etwas zu dick, und er hätte beschlossen, uns für diesen Tag auf Diät zu setzen. Es gäbe keine Vorräte an Bord und in dieser Gegend auch weit und breit kein Gasthaus. Wenn wir Hunger hätten, sollten wir Wein trinken, der hätte auch einen gewissen Nährwert und wäre reichlich an Bord vorhanden.
Wieder mußten wir gegen starken Wind und Wellen kämpfen, und der Hunger wurde immer quälender. Weisungsgemäß hielten wir uns an den Wein, und obwohl uns eigentlich gar nicht zum Lachen war, hatten wir plötzlich eine Riesenstimmung an Bord.
In meinem Übermut triezte und stichelte ich Manni Cordes und Friedo Koop, die vor mir saßen, aber lange Zeit nicht reagierten. Da setzte ich mich in einer Pause im Mittelgang direkt zwischen die beiden und stichelte weiter. Und plötzlich - o schreckliche Verrohung der Sitten! - griffen die beiden zu und begannen mich, ihren eigenen Barkenbruder, zu foltern! Außerdem wollten sie mir Schuhe und Strümpfe ausziehen und über Bord werfen. In meiner Not log ich ihnen schnell vor, daß ich Fußpilz hätte. Da ließen sie mich angeekelt los, und ich konnte mich wieder auf meinen Ruderplatz setzen. Des war a Gaudi!
Fünf Kilometer vor Alt Töplitz erklang plötzlich der Ruf von der Steuerbank: "Fischräucherei in Sicht!" Da war alle Zwietracht vergessen. Die Mannschaft war sich völlig einig, die Diät sofort abzubrechen und traf entschlossen Vorbereitungen zur Landung. Diese erfolgte in einem danebenliegenden Gartenlokal, da dort ein Steg vorhanden war.
Tilo schämte sich und gab zu bedenken, daß wir doch nicht im Gartenlokal festmachen und bei der Fischräucherei essen könnten. Aber damit kann man eine ausgehungerte Rudermannschaft nicht aufhalten. Völlig bedenkenlos eilten wir zur Fischräucherei und sättigten uns mit Aal, Forelle, Steinbutt und sonstwas für Fischen, bis wir fast nichts mehr essen konnten. Nur Tilo blieb im Gartenlokal zurück, hielt die Hansa-Ehre hoch und bestellte sich dort ein Gericht.
Nach unserem deftigen Essen gelüstete uns plötzlich nach feineren Speisen, und wir erinnerten uns wieder an Tilo und sein Gartenlokal und daß wir ihn doch nicht so allein lassen könnten und daß Kaffee und Kuchen zur Abrundung unseres Mahls eigentlich sehr geeignet wären. Und so kamen wir zu Tilo und sagten ihm, daß seine Worte doch auf fruchtbaren Boden gefallen wären und wir nun nur wegen der Hansa-Ehre doch noch Kaffee und Kuchen bestellen würden. Solche Haltung zog auf der Stelle noch eine Runde Weinbrand nach sich, und man sieht daran, daß sich ehrenhaftes Verhalten doch lohnt. Man muß es nur richtig verkaufen.
Um 17.00 Uhr liefen wir in Alt Töplitz ein und verabredeten, daß wir uns um 19.30 Uhr wieder im Ratskeller zu Babelsberg versammeln wollten, um das Programm für den 23.6. zu besprechen. Hier empfing uns wieder die hektische, aber nette Uta und führte uns ins bekannte Jagdzimmer. Dort hatte der Wirt einen Fernseher an die Decke gehängt, auf dem ständig die neuesten Notierungen von fünf Biersorten zu sehen waren. Gingen zum Beispiel Bestellungen für Pils ein, so stieg der Preis ständig. Blieben die Bestellungen aus, sackte der Preis ab. Alle halbe Stunde gab es einen Börsencrash. Dann konnte der Preis für ein Pils für drei Minuten von DM 4,30 auf DM 1,70 fallen, und dann mußte natürlich hektisch, wie an der Börse, gekauft werden. Und natürlich nicht nur ein Bier, sondern derer viele. Was man selbst nicht brauchte, verkaufte man mit Gewinn an die trockengelaufenen Barkenbrüder. Mit unserem Börsengeschrei von Kaufen und Verkaufen machten wir die arme Kellnerin noch hektischer, aber das gehört nun mal zum Börsengeschäft, und Uta machte auch tapfer mit. Auf jeden Fall war Stimmung im Laden, und wir hatten viel Spaß.
Am 23.6. stand Friedo um 4 Uhr morgens auf und machte einen Plan für die Berlin-Besichtigung. Sein Mitschläfer fühlte sich überhaupt nicht gestört, weil Friedo immer früh aufsteht, sonst allerdings erst um 5 Uhr.
Wir besichtigten den Cecilienhof, die Baustelle Postdamer Platz, den Info Container, den Alexanderplatz und den Fernsehturm. Wir wandelten "Unter den Linden", und ich ging - das hatte ich mir schon lange vorgenommen - mit einem Triumphgefühl im Stechschritt durchs Brandenburger Tor. Friedo hat mich dabei fotografiert. Welches Ziel kann man sich im Leben nun noch setzen? Und natürlich haben wir uns ausführlich Sanssouci angesehen. Friedo, wir danken dir!
Von der vielen Pflastertreterei waren wir müde und wollten den Abend in Ruhe mal wieder im Ratskeller in Babelsberg ausklingen lassen. Dort angekommen brabbelten die Barkenbrüder wichtig von Trailer, Gestänge, Barke, Straßenrouten etc., als plötzlich die Sünde selbst an die versammelte Barkenbruderschaft herantritt. Ein Weib Marke "warme weiche Frau" betritt den Raum, wiegt sich in den Hüften und spricht zu den Barkenbrüdern also: "Nun, meine Herren, ihr sitzt hier so brav und so allein....", und sie sagt noch mehr, aber das habe ich nicht mehr behalten, weil mir plötzlich durch den Kopf geht: Komisch, immer, wenn sich Männer mal allein über das Gestänge (des Barkenhängers) unterhalten wollen, kommt eine Frau und will sich dazusetzen. Das soll es ja sogar schon in irgendwelchen Clubs bei Altherrenabenden gegeben haben. Aber ich schweife ab.
Sie lockt weiter damit, daß im Nebenraum ein ganzer Tisch Frauen ohne männliche Begleitung sitzt, und daß sie sich gerne mal mit uns unterhalten würden. Als Zeremonienmeister bin ich alarmiert. Ich befürchte eine Aufweichung der Moral. Aber ich warte ab und beobachte. Zuerst tut sich gar nichts. Alles sitzt wie vom Donner gerührt. Mir wird es schon fast peinlich, und ich denke: Wo sind bloß unsere Frauenhelden? Die Lieblinge des weiblichen Geschlechts? Jetzt muß doch etwas gesagt werden!! Soo müde darf man einfach nicht sein!
Und endlich erhebt sich einer, beugt sich zu der Dame herunter und spricht einige artige Worte mit ihr. Die Situation war gerettet. Aber er sagt nicht, daß wir mitkommen würden. (Ich hatte ihm schnell zugeflüstert, daß jeder, der mitgeht, namentlich im Clubschlüssel erwähnt wird.) Und da alle eisern - oder müde? - sitzenbleiben, schickt sie sich an, wieder zu gehen. Aber irgend etwas Gutes will sie uns nun doch noch antun und fragt darum, ob sie uns wenigstens ein paar Biere bringen dürfte; man hätte beim Börsencrash zuviel bestellt. Wir hatten zwar noch selbst genug Bier, aber wir wollten nicht unhöflich sein und gestatteten ihr, die Biere zu bringen! (Ich glaube, jetzt habe ich alle Emanzen und Linken verärgert.) Nachdem sie die Biere gebracht hatte und wieder gegangen war, sinnierte die Mannschaft einen Moment lang still vor sich hin. Dann sagte einer: "Mein Gott, wenn wir nicht so müde wären, weil Friedo uns den ganzen Tag durch Berlin gescheucht hat, dann hätten wir uns doch ruhig mal mit den Frauen unterhalten können." Und alle Barkenbrüder sprachen: "Friedo, wir danken Dir."
Am 24.6.97 auf der Fahrt von Töplitz nach Klein Kreuz (25 km) kam der Klabautermann an Bord, und das geschah so:
Wir hatten uns gegen starken Wind und hohe Wellen über einen See zu einer unbewohnten von hohen Bäumen und hohem Gras bewachsenen Halbinsel durchgekämpft. Die Gischt spritzte derart über das vordeck, daß die beiden Einser ihre Regenjacken anziehen mußten. Steuermann Charly fuhr auf die Halbinsel zu und ließ die Barke im Windschatten dicht unter Land vorne und hinten an weit herüberhängenden Zweigen festmachen. Hier war von dem starken Wind nichts zu merken, und wir wollten auf den Service warten.
Die Wartezeit vertrieben wir uns mit Essen. Es gab Aal, Forelle, Kohlrabi, Gurken und Radieschen. Zum "Fingerspülen" gab es Wodka Marke Moskowskaja. Zu trinken hatten wir nichts.
Einmal hörte ich den Steuermann zu Nr.4 Stb. sagen: "Na, du spülst deine Finger aber oft ab!" Plötzlich hörten wir vorne ein Geräusch. Wir drehten uns um und sahen, wie ein blaues Licht auf Backbord von einem Zweig auf den Führungsdraht des Daches sprang. Das Licht wanderte mit einem merkwürdigen Knistern den Draht entlang zur Steuerbank. Es verharrte einen Augenblick und sprang dann mit einem Satz auf den Hals einer geöffneten Moskowskaja-Flasche. Langsam kroch das Licht in die Flasche und blieb dort eine Zeitlang. Dabei sahen wir, wie sich der Flüssigkeitsspiegel deutlich senkte. Die Flamme aber wurde größer und leuchtender. Langsam kroch die Flamme wieder heraus, blieb auf dem Flaschenrand sitzen, fiel wieder zurück, kam doch wieder heraus und kreiste stark knisternd auf der Flaschenöffnung. Dann, ein Sprung, und die Flamme verschwand im geöffneten Mund von Nr.4 Stb.
Wir brauchten nichts zu sagen. Jeder wußte, daß der Klabautermann an Bord gekommen und im Körper von Nr.4 Stb. verschwunden war. Wir guckten Nr.4 an und sahen, daß seine Augen wie von einem inneren Licht glühten. Mann, o Mann, jetzt wurde uns die Sache aber doch unheimlich! Aber was sollten wir machen?
Wir beobachteten Nr.4 heimlich, aber zunächst benahm er sich ganz normal. Wir nahmen den Service an Bord, packten unsere Essensreste ein und setzten unsere Ruderfahrt fort.
Und dann, nach einigen Schlägen, ging es los! Nr.4 brüllte auf, forderte einen langen Schlag und hartes Rudern und trieb uns "wie besessen" zu immer härterem Rudern an. Es war klar zu merken, der Klabautermann hatte Spaß am Rudern gefunden und nutzte den Körper unseres armen Barkenbruders gnadenlos aus. Seine Schläge wurden immer gewaltiger, er schuftete für zwei oder gar drei, und seine Augen glühten.
Das ging so eine ganze Zeit. Dann plötzlich japste sein gepeinigter Körper nach Luft. Er sprang auf, lief den Mittelgang entlang und beschuldigte Nr.1, nicht genug zu ziehen, und der sollte sich jetzt auf 4 setzen und weiterschuften. Aber der hatte Angst, daß der Klabautermann dann mit ihm so zukehr gehen könnte, und lehnte entsetzt ab.
Da lief Nr.4 wieder den Mittelgang zurück und wollte sich wieder auf seinen Platz setzen, fand ihn aber durch einen mitfühlenden Beisitzer besetzt. Nun sah er, daß vier Backbord frei war, setzte sich auf den Platz, brüllte wieder los, und weiter ging es mit gewaltigen Schlägen.
Wir machten uns nun ernsthaft Sorgen, daß der Klabautermann unseren Barkenbruder zugrunde richten könnte. Wie lange mochte das noch so gehen? Da hörten wir, daß der Steuermann sagte: "Wir sind gleich da, Ruder halt!" Wir waren froh und hielten keuchend inne, und auch der Klabautermann hörte, Gott sei's gedankt, auf das Kommando.Wir merkten, daß er uns nichts Böses tun, sondern eigentlich nur mitrudern wollte. Nr.4 saß keuchend, schweißüberströmt, aber immer noch mit glühenden Augen da und war fertig.
Auch der Klabautermann hatte wohl gemerkt, daß aus diesem Körper nichts mehr herauszuholen war, denn plötzlich sprang die blaue Flamme wieder aus dem Körper von Nr.4 heraus auf den Backbord-Führungsdraht des Daches, lief ganz langsam nach vorne, verharrte kurz über jedem Backbordruderer, die sich ängstlich duckten, lief dann bis ans Ende des Drahtes, sprang mit einem kleinen Knall in die Luft und war verschwunden. Dem Himmel sei dank, der Klabautermann hatte die Barke wieder verlassen!
Unser Barkenbruder verließ nach dem Anlegen ruhig und in sich gekehrt die Barke und klagte schon abends über Muskel- und Sehnenschmerzen. Wir konnten das gut verstehen, aber es war ja noch einmal alles gutgegangen. Auf der anderen Seite war es aber doch schön, in der wilden Natur den Klabautermann erlebt zu haben.
Sollte jemand diese Geschichte nicht glauben, so frage er die anderen Barkenbrüder. Sie werden das Geschehene bestätigen.
Die Fahrt am 25.6.97 von Klein Kreuz nach Pritzerbe war vom Wetter und der Stimmung her ruhig und harmonisch. In Briest wurde Kaffee getrunken und Kuchen gegessen und danach in der Nähe der Barke - seit langem mal wieder - ein Nickerchen gehalten.
Am Abend erhielten Peter Mayer, Gert Hilgendorf und Friedo Koop ihre Urkunden als Barkenbrüder, während Henning Siemssen verspätet seine eigentlich schon 1993 fällige Urkunde für die 10. Barkenfahrt bekam.
Von den Etappen am 26.6. von Pritzerbe nach Mögelin und am 27.6. von Mögelin nach Molkenberg gäbe es auch noch manches zu erzählen, aber wichtiger scheint mir die letzte Etappe von Molkenberg nach Havelberg zu sein, die die Barke am 28.6. zurücklegte, weil an diesem Tag die "Wogen" noch einmal hoch gingen.
Zunächst sah alles sehr gut aus, wie immer, wenn Ungemach droht. Ich hatte zum zweiten Mal Service, zusammen mit Peter Mayer, und das Wetter war wunderbar sonnig und ruhig, und auch die Seelen der Serviceleute waren heiter und frohgestimmt, denn der Obmann - auch Tages- oder Deck(s)offizier genannt, hatte uns vorgeschlagen, daß Barke und Serviceleute sich an der Schleuse in Garz treffen sollten, damit wir den letzten schönen Tag auch noch genießen könnten.
Das konnten wir denn auch - im Auto! Der Obmann hatte mit gespaltener Zunge gesprochen, sein Versprechen gebrochen und unser Vertrauen enttäuscht!
Die Serviceleute hatten ihre Aufgaben ruckzuck erledigt und waren um 12.30 Uhr an der Schleuse. Wie wir später vom Schleusenmeister erfuhren war die Barke um 12.15 Uhr an der Schleuse, fand das Schleusentor offen und schleuste sofort durch, ohne auf die Serviceleute zu warten. Zwar rief man dem Schleusenmmeister noch zu: "Wenn da noch zwei Gestalten auftauchen, die bei uns zusteigen wollten, dann sagen Sie denen bitte, daß wir in Strohene bei der Fähre warten." Der Schleusenmeister verstand: "Vielen Dank fürs Schleusen und alles Gute für Ihren weiteren Lebensweg!" Er nickte freundlich und dachte: Nette Leute! Als sich die Serviceleute 15 Minuten später bei ihm meldeten, hatte er natürlich keine Botschaft für uns. Später schwante ihm irgend etwas, und er rief bei der Fähre in Strohene an, aber da war die Barke schon weitergefahren. So schmorten wir also mit unseren Lebensmitteln im Auto und verloren einen schönen Urlaubstag.
Am Endpunkt der Barkenfahrt, einer Panzertrasse, trafen dann Serviceleute und Barkenmannschaft wieder zusammen. Die Begrüßung fiel etwas distanziert aus.
Auch das Aussehen der Gruppen war sehr unterschiedlich. Die Mannschaft, durch Hunger und Durst geschwächt, hatte tiefliegende Augen, etwas bleiche Gesichter und vom Durst aufgesprungene Lippen. Die Serviceleute hatten etwas hervorquellende Augen, zornrote Gesichter (wovon bloß?) und ein wenig Schaum vor dem Mund (wir hatten vorher Kuchen mit Sahne gegessen). Insgesamt kann man aber sagen, daß von den elf Leuten neun Leute mit dem Tag zufrieden waren, und das sind immerhin 81,82%. Nur zwei Leute = 18,18% waren unzufrieden, und irgendwelche Querulanten gibt es ja immer.
Die Fahrt war schön und interessant, und ich möchte bei dieser Gelegenheit dem Barkenkapitän, Gerhard Johannsen, Hugo und Friedo für die Planung und Vorbereitung danken. Auch unserem Barkenkapitän i.V., Tilo Kolb, sage ich hiermit Dank, daß er uns so gut geführt hat und daß er uns abends mit manch munterer Rede erheitert hat.
Alle, die diese Fahrt mitgemacht haben, können nun ein Jahr lang von den Erlebnissen zehren, und alle alten Barkenbrüder zusammen können sich schon jetzt auf die Fahrt 1998 freuen.
Günter Bussenius
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