|
|
Bremer Ruder-Club "Hansa" (1879/83) e.V. |
oder "Fall nicht mein Täubchen, bums da lag der Ruderer",
oder Trainingstag im Harz
Dienstag, 14.01.1997, 7.30 Uhr im Morgengrauen auf dem Schulhof der Integrierten Stadtteilschule am Leibnizplatz. Zehn Ruderer und zwei Trainerinnen betreten den Reisebus, in dem schon eine Gruppe Skilangläufer der ISL (Integrierte Stadtteilschule Leibnizplatz) und eine neunte Klasse sitzen. Stille macht sich breit, und viele Augenpaare verfolgen jede Bewegung dieser athletischen Sportler, die sich geschmeidig auf ihre Sitze gleiten lassen. Ein ehrfurchtsvolles Raunen geht durch den Bus, als die Cheftrainerin mit ihrer silbernen Lockenpracht, bewaffnet mit einem riesigen Freßkorb und gefolgt von der kleinwüchsigen, "streng blickenden" Co-Trainerin ihren Platz in der Mitte des Busses einnimmt.
Die Türen schließen sich, und tief brummend setzt sich das Gefährt mit seiner kostbaren Fracht in Bewegung. Die Dämmerung wird von einem glutroten Sonnenaufgang am Horizont vertrieben, ja, es verspricht, nicht nur meteorologisch ein besonderer Tag zu werden.
Währenddessen werden im Bus verschiedenste Gespräche laut, und die coolen Sportler betrachten aus den Augenwinkeln die anwesenden Mädchen und bedenken sie mit leisen Kommentaren untereinander.
Zweieinhalb Stunden später hat der Bus sein Ziel erreicht und entläßt die 48 geladenen Zweibeiner in den Schnee vom Sonnenberg. Als erstes verschwindet die Skilanglauftruppe "Jugend trainiert für Olympia" der ISL in der gewundenen Loipe um den Sonnenberg, darunter die beiden Jungruderer Jonas Huesmann und Joss Mohr, die seit dem Herbst 96 mit und für den BRC Hansa aktiv sind. Die Klasse 9a macht sich mit ihren Schlitten auf den Weg, und bald sind wir ganz allein mit unseren Riesenkerlen, die ihre zarten Füße (Größe 43-48) nun in die topmodischen Langlaufschühchen zwängen. Dem zum Opfer fielen leider die großen Zehen von Lennart Lopatecki, um ihn von Größe 44 auf Größe 42 zu zwängen, trotz leichter Wundschmerzen hat er 11 km gemeistert!
Nachdem Brigitte fix fünf Paar Langlaufskier präpariert hatte, gab's für alle eine kurze Einweisung in die Langlauftechnik und das Bergab- und Bergauflaufen. Als dann die erste Talfahrt wirklich alle von den Brettern geholt hatte, ging es ganz gemütlich auf die erste 5,5-km-Rundloipe los, die sich malerisch durch kahle Baumbestände um den Sonnenberg schlängelte.
Als wir einmal herum waren, gab es eine kurze Mittagspause, in der sich die Hanseaten dreisterweise die Schlitten unter den Nagel rissen, um darauf gemütlich in der Sonne einige Kleinigkeiten zu sich zu nehmen. Die Söhne Gutwinski, Jan, Stefan und Martin verfügten über ein großes Proviantlager aus Pizza, Pizza und noch mal Pizza, die von Stefan faszinierend genau aufgeteilt wurde und hier und da auch mal als Tauschmittel diente. Was wir alle nicht wußten, war, daß Stefan uns sein bezauberndes Zahnlückenlächeln heute zum letzten Mal zeigen würde, danach hat's der Zahnarzt geklaut.....schaade!
Unsere beiden "alten Herren" Jascha Lohse und Jens Mocha gaben sich nach dieser ungewohnten Anstrengung erst mal im Hotel Sonnenberg die Ehre, einen kleinen Happen zu sich zu nehmen. Wir anderen nutzten die kleine Pause, um uns auf einer Rennstrecke von 50 Metern in allen Disziplinen mehrmals zu messen. Dabei wurde Jan Gutwinski klarer Sieger im "Nur-Stockeinsatz-Wettkampf". (Trotz eingehender Suche konnte ich keine leere Spinatdose im Schnee entdecken.) Eines der Freistilrennen konnte ich knapp für mich entscheiden, mußte jedoch schweren Herzens den Gesamtsieg mit über drei Einzelsiegen Martin Gutwinski überlassen, der uns nicht nur durch seine Geschwindigkeit, sondern auch durch eine gute B-Note überzeugte (wie er da so leichtfüßig mit seinem dunkelblauen Einteiler durch den Schnee peste....alter Schwede!).
Joop Flack, als würde er jeden Dienstag skilanglaufen, fand sich sofort auf den etwas zu harten Skiern zurecht und lief immer flott mit vorneweg, hätten wir ihm Bescheid gesagt, wäre er sicher auch noch eine dritte Runde mitgelaufen.
Doch erst mal jetzt zur zweiten Runde. Nach der Mittagspause mußten die Langläufer der ISL die 5,5 km auf Zeit laufen, und Brigitte und ich hätten es sehr gerne gesehen, wenn sich die Hansa-Athleten diesem kleinen Wettkampf angeschlossen hätten. Doch unter lautem Protest und Beteuerungen, daß sie das ja gar nicht könnten, haben sie sich geweigert, und so traten wir, nachdem unser "Seniorenpaar" mit vollem Magen vom Mittagstisch zu uns zurückgekehrt war, etwas flotter die zweite Runde um den Sonnenberg an. Unterwegs gedachten wir immer wieder der armen Ruderer, die zu Hause geblieben waren und gerade noch in der Schule sitzen mußten (siehe Fotos).
Willi Flack nahm als einziger der Gruppe doch noch am Rennen teil und belegte unter allen Läufern den sechsten Platz. Dabei muß noch erwähnt werden, daß Joss Mohr unter den Jungen den ersten Platz erlaufen hat. (Aber mit dieser aerodynamischen blauen Glitzerrennhose ist das ja auch kein Wunder!)
Hans Hohenthal, könnte hier auch mal Bigfoot genannt werden (Größe 47 paßt ja mal so gerade noch...), lief beide Runden so flott durch, daß er hinterher am ganzen Körper in der Sonne dampfte. Leider wurde ihm die letzte vereiste Abfahrt zum Verhängnis, und er schürfte sich den Arm ziemlich doll auf. Da hilft dann ja auch kein Pusten mehr.
Daß beim Langlauf ja so'n großer Fuß auch nicht vorm Umfallen schützt, mußte auch Mirko Janetzke dann und wann mal einsehen; ansonsten holte er sich gutgelaunt und das Wetter genießend vom vielen Laufen einen satten Muskelkater.
Von der zweiten Runde zurückgekehrt beschlossen Jascha, Jens und ich, die verbleibende Stunde für eine letzte Runde zu nutzen. Nachdem wir uns gegenseitig versichert hatten, daß wir jetzt aber nur so zum Spaß und nicht auf Zeit laufen wollten, rasten wir los, ohne noch einmal ein Wort miteinander zu wechseln, geschweige denn mal aufeinander zu warten, immer hektisch über die Schulter guckend, bis wir wieder am Bus angekommen waren. Unwichtig, zu erwähnen, wer aufgrund seiner sportlichen, durchtrainierten, leichtfüßigen, zähen, konditionierten Veranlagung am schnellsten war und sich dabei auch total elegant und hübsch bewegte....
Als Jens und Jascha dann auch endlich am Bus ankamen, konnte die Heimreise angetreten werden. Dann mußten die beiden abgekämpften Männer (mit ihren betörenden Oberkörpern) ihre schweißnassen Hemden wechseln, was von hellstimmigen Rufen wie "ausziehen, Hose aus!" etc begleitet wurde, so daß sie schnell den Sichtschutz ihres Sitzes suchten.
Im Bus saßen nun 44 etwas kaputte Jugendliche, die jedoch unermüdlich am Sabbeln waren, egal, ob ihre Gesprächspartner dabei mal 'ne Stunde einnickerten oder nicht! Zum Beispiel wurden Jan und Brigitte von bleierner Müdigkeit heimgesucht und schlummerten selig, offenmundig, während der Bus wiederum durch die glutrote, diesmal vom Sonnenuntergang gefärbte Landschaft gen Bremen rollte. Hinter uns lagen nun sechs Stunden, in denen die Sonne, der Schnee und vor allem das Skilanglaufen mit seiner sportlichen, für alle Muskelgruppen anspruchsvollen Bewegung uns einen schönen, schulfreien Trainingstag beschert haben.
Danken möchten wir ganz besonders Herrn Martin Kurp von der ISL für die Organisation dieses Tages, das geliehene Skimaterial und die Möglichkeit für uns, sich ihm anzuschließen!
Da dieser Versuch eine so positive Resonanz gezeigt hat, wäre es gut vorstellbar, einen solchen Tag zu wiederholen, um auch den Skeptikern unserer Juniorentruppe die Gelegenheit zu geben, ein besonders angenehmes Ausdauertraining zu erleben.
So kann ich nur sagen: Liebe Clubmitglieder, schnappt Euch Skier und auf in den Harz, solange der Schnee noch liegt, und sei es nur, um besonders lustige Stürze zu beobachten.
Julia Wolter
[ nach oben ]